Zum Inhalt springen

Annika Reich: 34 Meter über dem Meer

3. April 2012

Ich kenne meine Frage nicht. Mein Leben fühlt sich an wie die Antwort auf eine Frage, die ich nicht kenne.

Was verrät eine Wohnung über ihren Bewohner? Ob man an den Büchern im Bücherregal, den Vorhängen und den Mitbringseln in der Vitrine das Leben des Besitzers abmessen kann? Sind die Einrichtungsgegenstände wie Markierungen auf einer Landkarte voller Träume und Wünsche zu erkennen? Ella, die junge Literaturwissenschaftlerin und Horowitz, der alternde Meeresforscher, wagen ein Experiment: 6 Zimmer hochherrschaftlicher Altbau gegen 30 Quadratmeter Studentenleben – neue Wohnung, neues Leben, so der Gedanke.

Ein bisschen verschroben ist die Idee schon – aber Ella und Horowitz haben nichts zu verlieren. Denn Ella hat gerade ihr Studium beendet und den ersten Job vor Augen und denkt nie weiter als bis zum nächsten Tag. Sie will sich nicht festlegen lassen auf eine Wirklichkeit, auf einen Lebensplan. Sie ist fasziniert von den Biographien berühmter Frauen und probiert sie an, wie fremde Kleider – und obwohl ihre Träume so vielfältig und bunt aussehen, ist sie zunächst nicht fähig, einen von ihnen zu verfolgen. So zum Beispiel die Beziehung zu Paul, die Ella nie wirklich verbindlich werden lässt – bei Problemen steigt sie einfach aus der Realität aus und entzieht sich jeder Entscheidung. Ella ist sprunghaft, unentschlossen und voller Phantasie – ein flatterhaftes Vögelchen, wie ihre Mutter konstatiert.

Ganz anders Horowitz: Nach außen hin hält er die Fassade des strebsamen Forschers nur noch mühsam aufrecht – das große Werk, in dem er das Meer in seiner Ganzheit beschreiben will, ist seit Jahrzehnten kein Stück vorangekommen. Für Horowitz wird das Meer zu einer Metapher seines Glücks: Er, der das Meer nie sah, hat gleichsam niemals Liebe erfahren. So hofft er, auf dem Grund des Meeres die Antwort auf seine Einsamkeit zu finden.

34 Meter über dem Meer ist ein Buch über Lebensträume, über vergangenes, zerbrochenes und vor allem gegenwärtiges Glück – Annika Reich schafft Charaktäre, die alle auf ihre ganz eigene Weise versuchen, das passende Leben für sich zu entdecken, ein Leben, in dem ihre Träume Platz haben werden. Ein Wohnungstausch ist kein Allheilmittel. Und er löst auch nicht die Probleme, die Ella und Horowitz mit dem Leben, mit der Bewältigung der Realität haben. Aber er bringt sie auf einen ganz neuen, besonderen Anfang. Das Ende muss sich der Leser selbst ausmalen, was er gern tun wird, um noch ein bisschen mehr Zeit mit den Figuren diesen unterhaltsamen Buches verbringen zu können. Eine kurzweilige, bittersüße Lektüre – gerade richtig für kommende Frühlingsabende.

Wer mehr will: Hier liest die Autorin aus dem Roman.

Annika Reich: 34 Meter über dem Meer
Januar 2012, 266S., 18,90€
Hanser.

About these ads
2 Kommentare leave one →
  1. 3. April 2012 12:37

    Schön klingt das. Gerade die Figur des Horowitz gefällt mir auf den ersten Blick, seine (wissenschaftliche, aber wohl auch emotionale) Obsession für das Meer, obwohl er es nie gesehen hat. Das erinnert mich an den Verfasser der Reiseführer, der nie an einem der Orte war, von denen er schrieb – nur viel trauriger, melancholischer.

    • 3. April 2012 12:49

      Genau, im grunde ist er eine gescheiterte Existenz. Doch am Ende stellt sich heraus, dass er nur einen Schubs in die richtige Richtung braucht, um loslassen und die Dinge neu ordnen zu können – ein durch und durch melancholischer Charakter ist er deshalb nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 289 Followern an

%d Bloggern gefällt das: