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[Rezension] Andrea Bajani: Liebe und andere Versprechen

27. Mai 2012

Du existierst nicht mehr, für niemanden.

Pietro ist ein junger Lehrer, der einer geregelten Zukunft entgegenblickt: Beliebt bei seinen Schülern bewohnt er mit seiner Freundin Sara eine schöne Wohnung, liebevoll eingerichtet und voller Vorfreude auf die Komplettierung ihres gemeinsamen Lebens. Doch das Zimmer neben dem Bad bleibt leer, Sara wird nicht schwanger. Es ist vor allem die Hilf- und Sprachlosigkeit angesichts ihrer Kinderlosigkeit, die Sara dazu bringt, auszuziehen. Als Pietro eines Abends nach Hause kommt, ist Sara weg und hinterlässt nur eine Nachricht: “Mario ist tot”.

Zwei Neuigkeiten, die Pietros Welt in ihre Einzelteile zerkrachen lassen. Sein Großvater Mario schießt ihm ins Gedächtnis – ein für den damals kleinen Jungen rätselhaftes Wesen irgendwo zwischen Gespenst und Skelett. Denn Mario war als Einziger seiner Kameraden von der Ostfront wiedergekehrt, jedoch mit schrecklichen Folgen: Geplagt von Alpträumen und Neurosen landet er in einer Psychiatrie und darf seine Tochter und später den Enkel nur gelegentlich sehen. Oft übermannen ihn dabei seine Erinnerungen und er neigt zur Gewalttätigkeit. Marios Existenz wurde in der Familie nicht verschwiegen, zugleich aber hat auch niemand über ihn und den Grund für sein Verhalten offen gesprochen.

Denn alle wussten, dass er gar nicht tot war, dass er aus dem Krieg heimgekommen war, dass aber sein Kopf in die Luft geflogen war. Alle außer mir damals wussten, dass er irgendwo untergebracht war, dass er da in einem Park spazieren gehen durfte und den Vögeln zuhören und von Russland erzählen. Dass er da die ersten Jahre komplett weggeschlossen war, später aber manchmal Ausgang erhielt … . Da stellten sie ihn ruhig, wenn er seine Angstanfälle bekam, und fuhren mit ihm an den Fluss, und wenn er schrie, gaben sie ihm etwas zum Schlafen … .

Um also die Zukunft beginnen zu können, muss Licht in die Vergangenheit gebracht werden; Pietro kehrt zurück in die alte Wohnung seiner Kindheit und klingelt an der alten Wohnungstür. Es öffnet ihm Olmo, ein Mann, der ebenfalls am Russlandfeldzug beteiligt war und Pietros Großvater sein könnte. Gemeinsam zeichnen sie Karten, sehen unzählige Fotos an und fassen den Entschluss: Pietro muss nach Russland reisen, auf den Spuren von Olmo und Mario, um nachzuerleben, was damals geschehen ist. Vielleicht ermöglicht eine aufgeräumte Vergangenheit dann auch den Neuanfang mit Sara, deren Familie ein ähnliches Kriegsschicksal sorgsam behütet, obwohl das Schweigen allen wie ein Stachel in der Seele sitzt.

Dann hat Sara wochenlang Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen, in denen sie kein Wort sagte. … Oft atmete sie auch einfach in den Hörer, ein langer Atemzug,  und meine ganze Wohnung war geflutet. … Ein anderes Mal ging ein Gewitter los, es donnerte in ihre Küche und weiter bis zu mir, die Fenster knallten zu, sie schrie: Aufhören, als ob ein Schrei reichte, um den Himmel zu beruhigen, kurz danach bracht sie in einen Weinkrampf aus … . Die Nachricht gleich danach bestand aus ohnmächtigem Schweigen, aber die Fenster waren wieder offen. Davor stand offenbar ein Baum, jetzt kreischten Vögel direkt in ihre Küche, und gegenüber unterhielten sich zwei ältere Frauen, die eine sagte: das war ja wie ein Bombenangriff.

Andrea Bajani schreibt in kurzen Kapiteln, die hauptsächlich aus der Sicht des Ich-Erzählers Pietro berichten. Sie sind angefüllt mit poetischen und teils sehr ungewöhnlichen Vergleichen, voller bedrückender Stimmung und beklemmender Melancholie; der Krieg und das Sterben stehen zwischen den Zeilen und sind stets präsent.  Liebe und andere Versprechen ist ein Roman, der das Schweigen und das Verschwiegene, das Ungesagte und Verdrängte in wunderbar kraftvoll-poetischer Sprache sichtbar macht. Oft habe ich mich beim Lesen an die Romane Lizzie Dorons erinnert gefühlt – nicht, weil sich die Schreibstile ähneln, wohl aber, weil beide Autoren die Auswirkung des Totschweigens und der daraus entstehenden Lücken in der Biographie der Nachgeborenen eindrucksvoll umschreiben.

Andrea Bajani: Liebe und andere Versprechen (Ogni promessa, 2010), April 2012
Aus dem Italienischen von Pieke Biermann.
240 S., 14,90 Euro, dtv premium

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2 Kommentare leave one →
  1. 27. Mai 2012 14:00

    Wir hatten ja neulich das Thema: Was soll man zu der fünften Besprechung eines Buches noch sagen? Außer dass ich natürlich deinem Fazit zustimme: ein melancholischer Roman, der ausgerechnet mit einer sehr kraftvollen, bildreichen Sprache das Schweigen darzustellen versucht – so als wolle Bajani mit seinen Sätzen die Löcher in der Familienchronik stopfen…
    Eine schöne Besprechung, die dem Roman mehr als gerecht wird.

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