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[Rezension] Andreas Maier: Das Haus

24. April 2012

Das Haus meiner Kindheit war groß und leer

Andreas ist ein seltsames Kind, und so ganz anders, als seine beiden älteren Geschwister. Ortswechsel machen ihm Angst und besonders mit dem neu gebauten Elternhaus verbindet ihn eine Hassliebe. Ist er dort allein, gerät er in einen beklemmenden Zustand zwischen Euphorie und Betäubung, die sich erst langsam löst. Dann aber frisst der manisch den Kühlschrank leer.

Kein Wunder, dass er Hunger hat, denn die gemeinsamen Mahlzeiten sind für ihn auch eine kaum zu bewältigende Angelegenheit: Das Abendessen ängstigt ihn, weil er vor der Gesellschaft anderer, der stattfindenden Gespräche Angst hat. Immer wieder führt ihm der Abendbrottisch seine existenzielle Nichtzugehörigkeit vor Augen. Mit dem Frühstück ist es kaum besser, denn hier hindert ihn ein Kloß im Hals am Schlucken – eine Blockade, die sich angesichts des bevorstehenden Schultags immer neu bildet.

Noch immer klingelt der Wecker nicht, aber ich liege bereits wach. Jeden Morgen komme ich irgendwann zu mir und beginne nach einer Weile automatisch damit, mir auszumalen, was mir in einer Stunde bevorstehen wird. Und ich kuschele mich an mein Kissen und versuche ein wenig Wärme und Zutrauen von ihm zu bekommen, und ich ziehe mir die Decke über den Kopf, als könnte das helfen.

Denn auch in der Schule ist Andreas der Außenseiter, der “Komische”, randständige “Problemandreas”. Die Hänseleien durch seine Mitschüler und sein Unvermögen, ihre sozialen Interaktionen zu verstehen, belasten ihn schwer. Dass er kaum spricht, macht alles nur noch schlimmer. Weil er von seiner Umwelt nicht akzeptiert wird, fügt er sich in die Rolle des Problemkindes und baut sie immer weiter aus, bis hin zur Grenzverwischung zwischen dem, der er eigentlich ist und dem Außenseiter, von dem ohnehin nichts Rechtes zu erwarten ist.

Andreas Maier arbeitet in Das Haus seine eigene Kindheit auf. Es ist ein Buch ohne Happy End, das mit den immer gleichen Motiven (Nichtzugehörigkeit, Schweigen, stummes Beobachten, die Angst vor dem “Draußen” und das gleichzeitige Nichtwohlfühlenkönnen drinnen) beim Leser jene Beklemmung erzeugt, die das Kind Andreas so ähnlich gefühlt haben muss. Kein kurzweiliger Schmöker, keine poetische Sprachperle, sondern ein gradliniges, nüchternes Buch, das mich beeindruckt hat.

Hier findet ihr eine Leseprobe.

Andreas Maier: Das Haus
Dezember 2011, 164S., 17,95€
Suhrkamp.

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2 Kommentare leave one →
  1. 27. April 2012 14:45

    es klint sehr interessant! und ich mag Bücher ohne happy end.
    ich finde es toll, dass du immer hier so auskunftsreiche Rezensionen veröffentlichst.
    inspiriert vom Welttag des Buches verschenke ich auf meinem Blog Liebe in Buchform – vielleicht geht es an dich? :)

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