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[Rezension] Pali Meller: Papierküsse

20. April 2012

Denn wer weiß, wie lange diese Briefe das Einzige sind, was wir einander geben können, und wir wollen diese Zeit nutzen und uns sättigen an dem Schönen, was sie uns gibt, und blind bleiben für die Bitternis, die in ihr verborgen sein mag.

Das schreibt Pali Meller – ungarisch-österreichischer Architekt – seinen Kindern Paul (genannt Pila) und Barbara (genannt Barra) aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden. Wie sich bald herausstellt, bleiben die Briefe das Einzige und Letzte, was er seinen Kindern mit auf deren Lebensweg geben konnte.

Meller selbst war Jude, wähnte sich und die Kinder durch die Ehe mit seiner früh verstorbenen katholischen Frau aber als sicher und nicht der sogenannten “Rassenschande” schuldig. Schon lange besaß er gefälschte Abstammungsnachweise, begab sich aber als Mitglied der Berliner Bohème in viele Liebesabenteuer. Wer ihn letztendlich denunzierte, bleibt unklar – fest steht nur, dass seine letzte Liebschaft die Tochter glühender Nazis war und dass diese die Beziehung nicht zuletzt wegen des Altersunterschieds argwöhnisch betrachteten.

Im Februar 1942 wird er schließich verhaftet, die Kinder bleiben in der Obhut des Hausmädchens Franziska Schmitt (Mellers Frau war schon Jahre zuvor durch einen Autounfall ums Leben gekommen). Wann und mit welcher Deutlichkeit Meller klar wurde, dass er das Zuchthaus nicht überleben würde und ein Wiedersehen mit den damals elf- und siebenjährigen Kindern ein frommer Wunsch bleiben würde, ist  nicht überliefert.

Aus seinen Briefen, die er zunächst noch sehr regelmäßig schreiben und emfpangen durfte, spricht aber keine Angst, keine Trauer. Ehrgeizig nimmt Meller seine Rolle als Erzieher auch aus der Ferne wahr. Er bewertet die Schreibversuche des Sohnes, apllaudiert dem guten Zeugnis der Tochter, erörtert Berufswünsche der Kinder und ermutigt sie, positiv zu denken und das Glück zu schätzen, das sie besitzen. Er bittet sie, ihren Alltag zu schildern und geht in Gedanken mit auf Fahrradausflüge liegt gedanklich am Badesee. Jeder Brief vermittelt auch ein Stück seiner eigenen Lebenseinstellung, nämlich aus allem das Beste zu machen, seine Ziele zu verfolgen und seinen Mitmenschen Gutes zu tun – und vor allem: niemals aufzugeben.

Papierküsse versammelt 24 Briefe und 2 Postkarten Mellers an seine Kinder, deren Antworten ihm zum Lebenssinn und zur Stütze während des Zuchthausaufenthaltes werden. Sie sind es, die ihn Hunger, Sehnsucht, Ausweglosigkeit und am Ende auch das hohe Fieber ertragen lassen. Ergänzt werden diese pesönlichen Dokukmte, hinter deren Frohsinn die Brutalität eines Regimes, das eine willkürliche Rasseneinteilung zum politischen Instrument machte, durch zahlreiche Fotografien sowie Abdrucke einiger Briefe und Dokumente Mellers. Zudem hat die herausgeberin Dorothea Zwirner eine erhellende biographische Skizze beigefügt.

Bald habe ich Geburtstag und werde keinen Gutenmorgenkuss von Euch haben. (…) Heb ihn mir gut auf – eines Tages komme ich und hole mir alle versäumten Küsse … Bis dahin bleibt es bei Papierküssen.

Pali Meller ist nicht mehr dazu gekommen, sich seinen versäumten Geburstagskuss abzuholen. Im März 1943 stirbt er vermutlich aufgrund von Unterernährung und den katastrophalen Hygienebedingungen im Zuchthaus an Tuberkulose. Seine Briefe, die liebevoll-belehrenden Papierküsse an die beiden Kinder aber bleiben.

Pali Meller: Papierküsse
Briefe eines jüdischen Vaters aus der Haft 1942/43
Hrsg. von Dorothea Zwirner
Februar 2012, 144S., 18,95€
Klett-Cotta.

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4 Kommentare leave one →
  1. Brigitte permalink
    23. April 2012 18:36

    Hallo,
    für mich steht das Buch in einer Reihe mit Martin Doerrys “Mein verwundetes Herz”. Beide herzzerreißend traurig, beide herzzerreißend schön, getränkt von der Liebe zu den Kindern.

    Liebe Grüße von der still mitlesenden
    Brigitte

    • 24. April 2012 11:41

      Liebe Brigitte, ich danke dir herzlich für deinen Kommentar und die Buchmepfehlung. Die Briefe an Lily Jahn kannte ich noch nicht und sie sind sogleich auf meiner Wunschliste gelandet.

  2. 20. April 2012 17:20

    Ach, wie traurig. Klingt aber gut, danke für die Empfehlung!

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