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[Rezension] Banana Yoshimoto: Ihre Nacht

24. März 2012

Eine Geschichte wie ein Traum

Es gibt Erfahrungen im Leben, die so ungeheuerlich sind, dass sie kaum verarbeitet werden können. Eine unglückliche Kindheit, ohne die Liebe der Mutter und mit einem schwachen Vater, inmitten eines sterilen Hauses, ist eine davon. Umso wichtiger werden die Erinnerungen an glückliche Momente, den Sonnenuntergang im Garten oder Verwandte, die sich einem zuwenden. Yumiko hat eine solche Kindheit hinter sich. Ihre Mutter fühlte sich als Hexe und hielt als wohlhabende Geschäftsführerin eines Delikatessenimperiums regelmäßig Séancen ab. Was genau dabei passiert ist, weiß Yumiko nicht mehr. Nur, dass der okkulte Wahn ihrer Mutter bereits Tote gefordert hat.

Halt findet Yumiko bei ihrer Tante, der Zwillingsschwester ihrer Mutter und deren Sohn Shôichi. Doch eines Tages entzweien sich die beiden Schwestern für immer und der Kontakt bricht ab. Yumiko sieht ihre Tante zum letzten Mal als kleines Mädchen und versteht ihr seltsames Versprechen nicht, dass sie Yumiko am Liebsten in ihre Familie aufnehmen würde.

Inzwischen ist Yumiko erwachsen und lebt ein seltsam beziehungsloses Leben. Ihre Eltern sind tot, den Kontakt zur Verwandtschaft hat sie abgebrochen. Ziele, Wünsche oder Pläne verfolgt sie keine, stattdessen lebt sie vom Geld eines Liebhabers und lässt sich gedankenlos durch den Tag treiben. Ihre Biographie teilt sich in die Kindheit, die sie lebhaft und deutlich erinnert und schließlich das Jetzt: Dazwischen klafft eine Lücke, die sie nur mit Bruchstücken füllen kann.

Da steht eines Tages ihr Cousin Shôichi vor der Tür. Gemeinsam unternehmen sie eine Reise in die Vergangenheit, in deren Verlauf Yumiko zu alten Erinnerungen und Gefühlen zurückfindet:

Wir teilten etwas, das unabhängig war von der Zeit, die wir real miteinander verbrachten oder verbracht hatten, und auch unsere Körpersprache zeigte da und dort Gemeinsamkeiten. Es war, als spielte jenes dunkle Etwas in mir die gleiche Melodie, die ich in ihm vernahm.

Worin das “dunkle Etwas” besteht, enthüllt Yoshimoto mit einer überraschenden Wendung auf den letzten zwanzig Seiten. Die Wendung ins Übernatürliche, Übersinnliche, die sich durch den Okkultismus von Yumikos Mutter schon im gesamten Roman Raum geschaffen hat, wirkt überraschend, aber nicht unpassend.  Das Zauberhafte steckt ohnehin schon in Yoshimotos poetischer Sprache, mit der sie Yumikos Weg zur Wahrheit beschreibt. Naturbilder, warme Sonne und kühle Winde werden zum Spiegel ihres Seelenlebens und man kann sich beim Lesen wunderbar in diesen Sprachbildern treiben lassen. Ihre Nacht ist eine Geschichte rund um ein grausames Verbrechen, die zugleich vor Leichtigkeit und Poesie sprudelt. Es ist, als würde man mit Yumiko barfuß durch einen verzauberten Garten voller Düfte laufen und zu schweben beginnen.

Der Himmel war mit Myriaden von Sternen übersät. So wie sich diese Lichter ihren Weg durchs All bahnten, so stiegen aus meinem Innern, obwohl ich gar nichts fühlte, Tränen auf. Es mag übertrieben klingen, aber in dem funkelnden Lichtermeer wollten meine Augen fast ertrinken.

Dank der lieben Daniela war das meine erste Begegnung mit Banana Yoshimoto. Und ganz sicher nicht die letzte.

Banana Yoshimoto: Ihre Nacht
Februar 2012, 208 Seiten, 18.90€
Diogenes.

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9 Kommentare leave one →
  1. 26. März 2012 11:02

    Ich freue mich sehr, dass die erste Begegnung mit Banana Yoshimoto so eine glückliche für dich war. Mein persönlicher Liebling ist übrigens “Amrita”, für mich war und ist es wie eine gute Freundin, die man nicht missen möchte.

    • 26. März 2012 14:53

      Das habe ich natürlich gleich notiert und freue mich auf weitere Begegnungen mit Frau Yoshimoto :)

  2. 25. März 2012 21:57

    Danke für die schöne Besprechung, das klingt nach einem ganz besonderen, ja bezaubernden Buch. Ist sofort auf meiner Wunschliste gelandet (aber wie ich mich und mein Kaufverhalten kenne, werde ich wohl wiede aufs Taschenbuch warten). Liebe Grüße und bis bald!

  3. 25. März 2012 15:43

    Herzlichen Dank für diese schöne Rezension! :) Schon die Worte der Klappentexterin hatten mich davon überzeugt, dieses Buch lesen zu müssen … das wurde durch deinen Eindruck nun noch einmal verstärkt.

    Ich bin schon sehr gespannt drauf, Banana Yoshimoto kennenlernen zu dürfen.

  4. 24. März 2012 20:29

    Dann sollte “Mein Körper weiß alles” dein zweites Date mit Banana werden:-)
    http://www.stadtstudenten.de/2010/06/japanische_literatur/

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  1. Ihre Nacht – Banana Yoshimoto « buzzaldrins Bücher

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