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[Rezension] Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

8. März 2012

Sie liegen leicht in der Hand, die Finger umschließen sie mit einer fast zärtlichen Geste und allein die Tatsache, eine von ihnen in der Manteltasche zu tragen, beruhigt Edmund de Waal. Allen voran liebt er Autor einen kleinen, elfenbeinfarbenen Hasen mit Bernsteinaugen, denn diese kleine Figur ist nicht nur ein Gegenstand, sondern für de Waal das Vermächtnis seiner einst einflussreichen und mondänen Familie. Die Rede ist von japanischen Netsuke, kleine Figuren aus edlem Material wie Elfenbein, Walrosszähnen oder auch dunklem Wurzelholz gefertigt – die als Verzierung an Kimonos gedacht waren und besonders im 19. Jahrhundert zu begehrten Sammlerstücken europäischer Kunstsammler wurden. Unter ihnen auch der aus Odessa stammende Charles Ephrussi, seines Zeichens ein Vorfahr de Waals. Eine beachtliche Sammlung von über 260 Figuren, ausgestellt in einer extra gefertigten Vitrine, hat dieser zusammengetragen.

Charles bewegt sich als großzügiger Gönner, als Mäzen durch Paris, fördert Manet und Proust und wird gar zum literarischen Vorbild für dessen Protagonisten Swann. Dass heute kaum mehr jemand davon und vom fast unermesslichen Reichtum der weit verstreuten Familie (les rois de blé, die Weizenkönige) liegt an ihrer fast vollständigen Auslöschung und Enteignung im Zuge der Judenverfolgung des 3. Reiches. Einzig die Netsuke haben als winzige Kostbarkeiten überlebt, nur sie liefern noch den Beweis für die Existenz längst verklungener Epochen. Denn in den herrschaftlichen Häusern der Familie in Paris oder Wien residieren keine Ephrussi mehr – nur noch Versicherungen, Spielcasinos.

Also werden kleine japanische Kunstfertigkeiten zum roten Faden einer Familienbiographie. Sie beginnt im Paris des 19. Jahrhunderts, in eleganter Salonatmosphäre und mit dem Sammeln von Kunst: Charles de Ephrussi kauft die Netsuke und der Hase mit den Bernsteinaugen kann aus seiner Vitrine heraus viele namhafte Künstler und Literaten kommen und gehen sehen. De Waal berichtet vom illustren Freundeskreis Charles’ und wie dieser an der Dreyfus-Affäre zerbrach. Schnell wurden jene, die Charles’ Geld einst gern entgegennahmen (Cézanne, Renoir) “gehässig gegenüber Charles und seiner ‘jüdischen Kunst'”. Als Charles’ Cousin in Wien heiratet, schickt er ihm die Vitrine mit den Netsuke als Hochzeitsgeschenk.

Weiter geht es also von Paris nach Wien, mitten hinein ins prachtvolle Palais Ephrussi mit seinen vielen Bediensteten. Hier haben die Netsuke einen Platz im Ankleidezimmer der Hausherrin gefunden. Die zieht sich dreimal täglich um, ist mondän, hat einen Liebhaber und die Familie gehört zur obersten Gesellschaftsschicht – wenngleich sie nie ganz dazugehört. Juden müssen sich immer doppelt beweisen. Der Erste Weltkrieg kommt und mit ihm die Unsicherheit; Glück hat, wer Lebensmittel besitzt. Von Wohlhabenden wird erwartet, dass sie Kriegsanleihen en masse zeichnen. Viktor hat sein Vermögen während des Krieges in Wien gelassen – nun ist es fast nichts mehr wert. Und doch: das Leben geht weiter. Die Kinder werden groß, heiraten, zerstreuen sich in alle Winde.

1938 sind nur noch Viktor, Emmy und der jüngste Sohn Rudolf im Palais, als es von deutschen Soldaten gestürmt wird. Schmuck wird ihnen entrissen, kostbare Möbel zerstört, das wohlgeordnete Palais gerät aus den Fugen. Es dauert nicht lang und die Gestapo steht in der Tür. Viktor und Rudolf werden zu Staatsfeinden deklariert und verhaftet, Emmy bleibt allein zurück. Das Haus gehört der Familie nicht mehr: die Sammlungen, die Familie wird aufgelöst. Schließlich gibt es weder das Palais, noch die Bank Ephrussi. Doch etwas bleibt. Das Dienstmädchen Anna rettet die Netsuke von der Gestapo unbemerkt in ihre Schürze und versteckt sie in ihrer Matratze.

Man nimmt einen Gegenstand aus der Tasche, legt ihn vor sich auf den Tisch und fängt an. Man beginnt eine Geschichte zu erzählen.

Der Hase mit den Bernsteinaugen ist eine hinreißende Mischung aus Kunstgeschichte, Gesellschaftsgeschichte, den Auswüchsen des Antisemitismus bis hin zur Auslöschung einer ganzen Familie, persönlichen Eindrücken des Autors, der Entdeckung seiner eigenen Biographie und nicht zuletzt historischer Reisebericht aus Paris, Wien, Odessa und Tokio.

Auf der Internetseite Edmund de Waals kann man sich die Netsuke ansehen.

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi.
August 2011, 352 Seiten, 19,90€
Zsolnay.

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5 Kommentare leave one →
  1. 8. März 2012 12:23

    Hurra, dir hat es auch gefallen! Ich fand das Buch ganz wunderbar. http://buecherwurmloch.wordpress.com/2011/10/29/edmund-de-waal-der-hase-mit-den-bernsteinaugen/

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