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[Rezension] Ulla Lenze: Der kleine Rest des Todes

2. März 2012

Es ist alles zu wenig. Was immer einem einfällt, es ist zu wenig.

Mein Vater ist seit fünf Wochen tot. Er ist unter ungeklärten Umständen mit dem Flugzeug abgestürtzt. Er war Hobbyflieger. Es ist Juni. früher Abend. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt. Sonnenlicht und Möglichkeiten, nein, was jetzt ist. Was jetzt ist.

Was bleibt, wenn ein Mensch stirbt? Welche Lücke hinterlässt er denen, die nun mit seinem Fehlen, der Leere und Ausweglosgkeit zurechtkommen müssen? Ulla Lenze hat mit Der kleine Rest des Todes ein sehr authentisches, persönliches Buch über das Gefühl geschrieben, wenn da plötzlich unter den Füßen nur noch Luft ist und kein Boden mehr.

Ist das, was Ariane da fühlt, nun Trauer? Oder auch Wut auf den Vater, der einfach gegangen ist und der mit seinem Tod der Lieblingstochter den Ankerpunkt im Leben genommen hat? Ariane handelt wenig und denkt umso mehr nach: Über die verschiedenen Arten, zu trauern. Über das Weinen, das Schreien, das Abwägen, ob man auch einfach “Schluss machen” sollte und ob sich der Schmerz vielleicht wegvögeln lässt.

Niemand in ihrem Umfeld akzeptiert Arianes wilde, ihre schlaflose Trauer, in der sie sich selbst fremd wird und nach immer neuen Möglichkeiten sucht, die eigene Existenz spürbar zu machen. Weder die immer korrekte Schwester, noch der langjährige Expartner und ihr Geliebter scheinen Arianes Haltlosigkeit verstehen zu wollen. Sie verurteilen Ariane, jeder auf seine Weise, wo sie doch helfen sollten. Es scheint, als hätte es allein der gestorbene Vater geschafft, seine Tochter zu verstehen.

Ulla Lenze zeichnet eine Ich-Erzählerin, die zerbrechlich ist und doch ihr eigener Fels in der Brandung. Eine junge Frau, die ihren eigenen Weg sucht, mit dem Verlust des Vaters umzugehen. Ariane verdrängt die Erinnerungen nicht, sondern lässt sie zu: Die Stimme des Vaters auf dem Anrufbeantworter, der Geruch seines Bademantels, in den sie sich einhüllt und die verschwommene Erinnerung an sich selbst als Baby in seinen Armen.

Die Autorin schickt ihre Heldin auf den Weg durch die Großstadt, auf die Suche nach Halt und Verständnis. Ein Weg, der kein definitiertes Ziel hat, der nicht sinnstiftend und planvoll sein muss. Der ihr aber leben, fühlen und weitermachen hilft, und nur das zählt. Ariane ist eine überaus symphatische Figur, der man durch die Zeilen hindurch zu gern die eigene Hand hinstrecken würde.

Ich würde gerne weiterfahren. Ich will in diesen Bildern bleiben, in ihnen schlafen. Ich will nicht ankommen und aussteigen müssen, ich will an uns selbst entlangfahren, in diesem weichen Rumpeln, dem Geruch nach Schlaf und ungelüfteten Kleidern, in vermutlich mit Flusswasser gereinigten Kleidern.

Der kleine Rest des Todes ist ein Buch, das Trauer zulässt, sie von allen Seiten anschaut und nicht darauf hofft, sie möge möglichst schnell vorbeigehen. Ulla Lenze verknüpft die Gedanken ihrer Heldin mit wunderschönen Landschafts- und Großstadtbildern, die ein Stück jener Trauer spiegeln, die Ariane in sich fühlt. Meine uneingeschränkte Leseempfehlung hat das Buch auf jeden Fall.


Ulla Lenze liest hier aus Der kleine Rest des Todes

Ulla Lenze: Der kleine Rest des Todes
März 2012, 160 Seiten, 18,90€
Frankfurter Verlagsanstalt.

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11 Kommentare leave one →
  1. 21. März 2012 05:25

    liebe syn-aesthetisch, danke für den hinweis auf das buch…. das wird in kürze ganz sicherlich auch bei mir einzug halten….

  2. 3. März 2012 17:40

    Ich kannte die Autorin selbst nicht, bin aber froh, sie nun entdeckt zu haben. Sie hat bereits zwei Romane veröffentlicht. http://ullalenze.de/lenze/menu,86
    Lies das Buch auf jeden Fall, es lohnt sich!!!

  3. 2. März 2012 20:42

    Vielen lieben Dank für die feine Rezension … das Buch, dieser für uns bisher nicht bekannten Autorin, werden wir unserer “Lesen-Wollen-Liste” zufügen!

    dm und mb

  4. 2. März 2012 19:24

    Wow. Und wenn man “ulla lenze der kleine rest vom tod” bei Google eingibt, erscheint deine Rezension an erster Stelle. Glückwunsch!
    Wie bist du auf die Autorin und das Büchlein aufmerksam geworden? Klassisch durch Verlagsvorschauen oder eine andere Rezension?

    • 3. März 2012 17:37

      Hui, echt? Das ist ja toll, wird aber bestimmt nicht lange so bleiben ;)
      Die FVA ist einer der wenigen (genau genommen zwei) Verlage, die mir ihr Verlagsprogramm schicken und fragen, was ich denn gerne lesen würde. Ich bin bei Rezensionsexemplaren wahrlich kein Experte, wie du siehst …
      Die Beschreibung des Buches hat mich neugierig gemacht und vor allem die Frage, wie das Thema Tod hier behandelt wird.

  5. 2. März 2012 19:21

    Das klingt ganz, ganz wunderbar. So viel Melancholie, Traurigkeit, Poesie. Allein schon im Titel. Und auch in den Zitaten.

  6. 2. März 2012 15:06

    Hallo synästhetisch,

    weder von dem Buch noch von der Autorin hatte ich bisher etwas gehört. Es klingt aber sehr interessant und als würde es zu einigen anderen Büchern passen, die ich in der letzten Zeit gelesen habe (Joan Didion und Joyce Carol Oates). Herzlichen Dank für diese tolle Vorstellung einer mir unbekannten Autorin … vor allem die von dir ausgewählten Zitate machen Lust auf mehr!

    Literarische Grüße
    Mara

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