[Rezension] Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen
Manche Dinge kann man nicht erzählen; nicht einmal denen, die man am meisten liebt. Irgendwann kommt der Tag, an dem alles ausgesprochen werden kann, doch davon ist die sechzehnjährige Maria noch weit entfernt. Denn ihre Geschichte beginnt gerade erst: Verträumt und auch ein bisschen naiv ist diese Heldin, die lieber liest, als zur Schule zu gehen. Überhaupt ist gerade alles wichtiger als der Gedanke an die eigene Zukunft. Denn vor einem halben Jahr ist die Mauer gefallen und die vielen neuen Möglichkeiten erscheinen ebenso verlockend wie ungewiss. Also genießt Maria lieber die Gegenwart voller Sommerwind und Mückenstiche. Mit Dostojewskis “Brüdern Karamasov” liegt sie auf der Sommerwiese, raucht zu viel und denkt verliebt an ihren ersten richtigen Freund Johannes.
Mit dem wohnt sie auch schon zusammen, auf dem Hof seiner Eltern. Dort erahnt man die enormen Veränderungen, die die Wiedervereinigung mit sich bringen wird. Johannes’ Vater plant die Umstrukturierung seines Hofes, Johannes selbst will raus aus dem Dorf und Fotografie studieren – nur Großmutter Frida fühlt sich mit dem Gedanken an ein neues Deutschland unwohl. Krien schildert behutsam die Sorgen und Ungewissheit, die der Umbruch namens Mauerfall in vielen Menschen hervorgerufen hat und verschweigt auch das drohende Scheitern unzähliger naiver Lebensentwürfe nicht.
Doch für Maria ist das alles weit weg. Es ist ganz anders auf dem Brendelhof als bei ihrer immer traurigen Mutter. Die hat ihre Arbeit verloren und auch ihren Mann: er heiratet bald eine 19-jährige Russin und hat sich nie richtig um seine kleine Familie gekümmert. Bei den Brendels dagegen leben alle unter einem Dach und helfen sich gegenseitig. So richtig anpassen kann Maria sich hier nicht, obwohl sie es versucht.
Viel anziehender als der trubelige Brendelhof ist der Hof des alleinstehenden Henner, auf dem noch alles so sein soll, wie vor dem Krieg. Kein Strom, kein fließendes Wasser. Überhaupt ist Henner ein seltsamer Mann. Stark, verwegen und eigenbrötlerisch lebt er mit seinen Hunden ein einsames Leben, über das keiner recht Bescheid weiß. Doch Maria sieht mehr als Henners rauhe Oberfläche. Intuitiv erkennt sie Henners Schmerz und die Liebessehnsucht hinter seiner fordernden Sexualität. Diese beiden unterschiedlichen Menschen teilen eine obsessive sexuelle Verbindung, die zugleich auch voller Liebe ist. Und doch bleibt Henner ein unberechenbarer Mann voller Bitterkeit und selbstvergessener Brutalität. Nur langsam entlockt Maria ihm auch Zartheit und die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben.
Erst später finden wir wieder Worte, erst als die Körper gesprochen haben. Ich sage ihm, dass ich nun siebzehn bin, eine Frau, doch er lächelt nur darüber. Es ist noch nicht einmal Mittag. Wir liegen still, sein rechter Arm hält mich umfangen, unsere Füße berühren sich. Ich habe Angst, er könnte mich für alle Zeit verdorben haben: was soll noch kommen nach solch einem Empfinden? Noch nie war ich so glücklich. Mein Körper zuckt und bebt, und ich dränge mich dichter an ihn. Es ist, als hätte er etwas vorweggenommen.
Daniela Krien schildert eindrucksvoll, wie sich der verträumte Sommer in einen Alltag aus Lügen wandelt. Zu niemandem mehr kann Maria ehrlich sein, nur zu sich selbst. Nichts will sie so sehr, wie Henner; Henners rauhe Hände und seinen Körper auf ihrem spüren, den Kitzel des Verbotenen auskosten, um dann am schlechten Gewissen fast zerbrechen. Der wütende Mann wird für sie zu einer Obsession, für die sie alles in Kauf nimmt.
Selten habe ich eine so intensive Liebesgeschichte gelesen, die mit ebensolcher brachialen Gewalt über den Leser hereinbricht, wie es Marias Gefühle für Henner tun. Daniela Krien schildert die Beziehung dieses ungleichen Paares mit unverhohlener Deutlichkeit und doch schien sie mir immer ganz logisch und folgerichtig, als hätten sich hier zwei Menschen gefunden, die sich lange suchten. Trotzdem schwingt die Unmöglichkeit der Verbindung, das unaufhaltsame Zurasen auf ein schreckliches Ende immer mit – eine Spannung, die Krien in unzähligen Andeutungen zu steigern versteht und schließlich mit einem furiosen Ende aufbricht.
Als der Sommer zu Ende geht, ist Maria erwachsen geworden. Ihre Zukunft ist offen, denn niemandem hat sie von dem erzählt, was sie mit Henner geteilt hat. Bleibt nur eine Hoffnung:
Ich denke oft an die Worte Alexejs, des jüngsten der Brüder Karamasov, und wie er sagte, irgendwann würden wir alle auferstehen und uns wiedersehen und alles erzählen. Wirklich alles.
Ich dagegen hoffe, dass Daniela Krien uns noch eine Menge zu erzählen hat. Ich freue mich darauf.
Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen.
September 2011, 240 S., 18 Euro
Graf Verlag.




Vielleicht sollte ich es doch noch lesen … ich bin so unschlüssig. Eigentlich hatte ich es schon “aussortiert” von der Wunschliste.
Mach das unbedingt. Ohne jetzt genau zu wissen, was du in deinem Buch schreiben willst, könnte “Irgendwann werden wir…” mMn durchaus ‘ne Inspirationsquelle sein.
Also meiner Meinung nach verpasst man in Foren wie z.B. der Büchereule nicht unbedingt etwas. Ich war dort mehr als drei Jahre aktiv und habe mich dann vor mehr als einem halben Jahr bewusst dazu entschieden, einen Blog zu eröffnen und mich aus dem Forum zurückziehen. Mir hat vor allem eine intensive literarische Auseinandersetzung mit den Büchern gefehlt – das war dann doch eher immer auf einem etwas oberflächlicheren Niveau. Vor allem, wenn man wie ich eher Romane abseits des Mainstream liest. Deshalb freue ich mich immer sehr über die Kommentare in meinem Blog, da ich diese Reaktion nicht unbedint gewohnt bin. Aber das ist nur meine Meinung … :)
Ich habe das Bloggen angefangen, weil ich für mich selbst einen Überblick haben wollte, was ich so gelesen habe und wie ich die jeweiligen Bücher fand. Dass andere Leute einen ähnlichen Lesegeschmack haben und ich durch den Blog auch eine Plattform zum Austausch mit eben solchen Lesern erleben würde, das war nie geplant und deshalb hat es mich umso mehr überrascht.
Es ist natürlich auch so: je mehr Menschen, desto mehr Lesegeschmäcker und Ansprüche an Literatur. Da muss man sich dann wohl die Rosinen rauspicken oder eben seinen eigenen Laden eröffnen. Mich reizen solche Foren gar nicht…
Und jeder Blogger freut sich über Kommentare, da bin ich sicher ;)
Nein, die Erwartung, dass ich mit einem Blog viele Menschen erreichen kann, die dann auch noch einen ähnlichen Geschmack wie ich haben, hatte ich auch nicht. Nach einem halben Jahr mit meinem Blog bin ich auch immer noch ganz baff über die vielfältigen Reaktionen, die ich erhalten habe …
Ich wollte einfach ein bisschen mehr Raum für meine Gedanken zu einem Buch, da das in der Büchereule doch schon immer etwas begrenzen.
Deshalb kann ich auch sehr gut verstehen, dass du sagst, dass dich solche Foren nicht reizen!
Mit Hype bezog ich mich vor allem auf Literaturforen, z.B. die Büchereule. Ich erinnere mich, dass es das Buch auch bei Vorablesen zu gewinnen gab, etc. Wahrscheinlich ist “Hype” übertrieben, aber mich hat es irgendwie abgeschreckt, dass das Buch für mein Empfinde irgendwie sehr in aller Munde war für eine Zeit … ;)
Huch, da sieht man mal wieder, was man so alles nicht kennt. Vom Namen her zwar schon – aber mich aktiv dort umgetan habe ich noch nie. Ich kenne aber die Abneigung, die man gegen Bücher entwickeln kann, über die plötzlich jeder redet und die von allen gelobt werden. Ich bin da nicht anders, zum Glück ist mir dieser Hype entgangen, sonst hätte ich was verpasst!
Achso, auf Foren und Bücher-Social-Networks bin ich nicht unterwegs, darum bekam ich wohl nichts von dem Buch mit. Meine Arbeitskollegin hat es mir in die Hand gedrückt – vorher war mir seine Existenz nicht mal bekannt ;)
Ich auch nicht. Verpasst man da eigentlich was?
Deine Arbeitskollegin hat einen guten Geschmack :)
Der Hype ist mir wohl entgangen, dabei verfolge ich sehr rege die Feuilletons (und tatsächlich gibt es beim Perlentaucher nur Rezensionsnotizen zur SZ und zur Zeit) – sind eher die Literaturblogs gemeint? Aber Hype hin oder her – ich gebe Svenja recht: Das Buch hat jede Aufmerksamkeit verdient, diese Geschichte einer verbotenen, zerstörerischen Liebe hat eine außerordentliche (Anziehungs-)Kraft, die Sprache ist fesselnd in ihrer Schlichtheit und Präzision. Sehr, sehr schön! Eines meiner Lesehighlights 2011.
Caterina, wir sind einfach nicht mehr up to date, ich fürchte, wir müssen es uns eingestehen ;)
Ja, das Buch ist toll und ich freue mich auf deine Rezension, aber das weißt du ja.
Ja, das stimmt wohl. Aber man kann ja auch nicht überall gleichzeitig sein ;)
Ob ich deiner schönen Rezension noch etwas hinzuzufügen habe, weiß ich noch nicht – aber wenn, dann wohl mit einem kleinen zeitlichen Abstand. In der Zwischenzeit widme ich mich vielleicht anderen Projekten; gelesene, aber unrezensierte Bücher habe ich ja genügend…
Doch, mach das bitte :)
Ich habe das Buch auch schon empfohlen bekommen. Mara hat sicher nicht ganz unrecht, wenn sie meint, dass das Buch momentan in aller Munde ist. Ich war zunächst skeptisch, habe aber nun – dank dir – doch Lust bekommen!
Ja, das kann gut möglich sein – aber ich lese keine Bestsellerlisten oder ähnliche Rankings, also kriege ich das nicht mit ;)
Ich freue mich aber, dass ich dir Lust auf das Buch machen konnte. Lies es, denn es lohnt sich wirklich.
Danke für diese wunderschöne Rezension! Schon die von dir ausgewählten Zitate machen Lust auf mehr und versprechen sehr viel … von dem Roman hatte ich zwar zuvor schon gehört, war mir aber unsicher, ob er hält, was er verspricht. Vor allem, da ich schon das Gefühl hatte, dass er sehr gehypt wird. Jetzt werde ich an dem Buch wohl aber nicht mehr vorbeigehen können … :)
Danke für dein Kompliment :D
Vom Hype habe ich gar nichts mitbekommen, aber wenn es ihn gibt, dann völlig zurecht! Das Buch habe ich geschenkt bekommen und war hin und weg. Es lohnt sich auf jeden Fall.