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[Rezension] Walter Moers: Das Labyrinth der träumenden Bücher

16. Januar 2012

Fortsetzungen zumal erfolgreicher Werke stehen immer unter besonderem Erfolgsdruck. Und  wenn man seine Leser zuvor mit der Stadt der träumenden Bücher in eine verzauberte bibliophile Welt entführt hat, wird es  umso schwerer, ihre hohen Erwartungen zu erfüllen. Trotzdem halte ich die vielfach geübte Kritik am Fortsetzungsroman rund um die sympathische Schriftstellerechse Hildegunst von Mythenmetz durchaus für berechtigt. Denn eines wird schon auf den ersten Seiten deutlich: Mit dem Labyrinth der träumenden Bücher hat Moers Zamonien, die Bücherstadt Buchhaim und auch die Charaktere, auf die sein Held trifft, nicht neu erfunden.

Wieder beginnt die Geschichte mit einem mysteriösen Brief, der Hildegunst veranlasst, die Lindwurmfeste zu verlassen und nach Buchhaim zurückzukehren. Viel hat sich dort inzwischen geändert, aber im Grunde ist doch alles gleich geblieben: Buchhaim oder Groß-Buchhaim wie die Einwohner nun voller Stolz sagen, ist wieder aufgebaut und sprudelt über vor Leben. Noch immer gibt es kuriose Geschäfte, noch immer steht das Buch im Zentrum allen Treibens.

Eigentlich könnte sie nun losgehen, die spannende Suche nach dem vermeintlich zurückgekehrten Schattenkönig. Kann ein Toter wieder lebendig werden? Ist Buchhaim erneut von Feuer und Gefahr bedroht? Doch anstatt diese Fragen zu beantworten, tut Moers das, was er dem inzwischen ormlosen* Hildegunst so oft vorwirft: er schweift ab. Was folgt, ist nicht nur die minutiöse Beschreibung einer Puppentheateraufführung, die nichts anderes tut, als den Inhalt der Stadt der träumenden Bücher zu rekapitulieren, sondern zusätzlich eine Geschichte des Puppenspiels oder wie Moers schreibt, des “Puppetismus”. Genossen habe ich hier allenfalls Moers’ brilliante Sprachkunst und seine kreativen Einfälle, gespickt mit unzähligen literarischen Zitaten und Anspielungen auf Schriftsteller:

Ich schätze das Werk von Zank Frakfa wirklich sehr und bewundere seine schriftstellerischen Verdienste, die immerhin darin gipfeln, dass man heutzutage gewisse verstörende Dinge … als frakfaesk bezeichnet. … Aber bei der Puppeninszenierung einer der besten Erzählungen Frakfas, die ich besuchte, konnte ich mich mit einer depressiv veranlagten Riesenkakerlake als Hauptdarsteller nur sehr schwer identifizieren.

Trotz der über 400 Seiten voller großartiger Zeichnungen, Komik und Bibliophilie löst Das Labyrinth der träumenden Bücher sein Versprechen nicht ein. Denn in selbiges gerät Hildegunst von Mythenmetz erst auf den letzten Seiten und der Leser klappt das Buch enttäuscht zu: Er hat nur die Ouvertüre zur eigentlichen Geschichte gelesen. Bleibt nur die Hoffnung auf eine gelungene Fortsetzung.

Das Labyrinth der träumenden Bücher ist vor allem für die treuen Fans der Stadt der träumenden Bücher eine Empfehlung, allerdings unter der Voraussetzung, dass diese nichts neues erwarten, sondern wieder in die engen Gassen voller Antiquariate, Souvernir-Shops und seltsamen Gestalten eintauchen wollen. Dann nämlich ist das Lesen ein bisschen wie das Nachhausekommen nach einer langen Abwesenheit.

Walter Moers: Das Labyrinth der träumenden Bücher
Oktober 2011, 432 S., 24,99€
Knaus.

* für alle Nichteingeweihten: Das Orm lässt sich vielleicht am ehesten als Genie oder große Begabung bezeichnen.

7 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 23. Februar 2012 20:29

    “Die Stadt der träumenden Bücher” habe ich nicht nur gelesen und richtig genießen, sondern auch in meine Lizenziatarbeit genau analysiert. Trotzdem mag ich bis jetzt dieses Buch ab und zu durchblättern und die Kreativität des Autors bewundern. Ich muss sagen, dass ich von den anderen Romanen von Moers viel erwartet habe und leider bleiben bis jetzt meine Erwartungen unerfüllt – “Den Schrecksensmeister” und “Rumo…” habe ich ein bisschen zu langweilig und nicht innovativ gefunden. Es ist echt Schade, dass das neue Buch über Hildegunst und Buchheim die alten Ideen aufwärmt. Ich hatte die Hoffnung für etwas Besseres.
    Jedoch werde ich das Buch gern lesen, wenn es nur in Polen erreichbar ist. Es macht immer Spaß, die Anspielungen zu finden (ich bin dann immer so stolz auf mich selbst, als ob ich ein echter Bibliophil wäre und etwas von der Deutschen Literatur wüsste ;). Vielen Dank für Deine ausführliche Rezension – sonst hätte ich keine blaue Ahnung, dass das neue Moers-Buch erschienen ist!

  2. 17. Januar 2012 11:32

    Ich habe Die Stadt der Träumenden Bücher sehr gerne gelesen – ein großes, kurzweiliges Vergnügen. Gleichzeitig habe ich mir schon damals gedacht, dass dies mein erster und wohl auch mein letzter Moers sein würde: mal reinschnuppern, vielerorts schmunzeln über die Verschrobenheit des Textes – völlig ausreichend, um eine Idee von Moers aberwitziger Fantasiewelt zu bekommen und mitreden zu können. Du hast mir mit deiner Rezension nun bestätigt, dass es sich nicht unbedingt lohnt, in die Fortsetzung zu schauen. Zumal mich ohnehin solche Fortsetzungen abschrecken, die zwanghaft hintenan geklemmt werden, obwohl die Geschichte eigentlich zu einem klaren Ende gefunden hatte – und das nur, um an frühere Erfolge anzuknöpfen, und nicht, weil die Geschichte tatsächlich eine Fortsetzung bräuchte. Und das neue Mythenmetz-Buch klingt verdächtig danach – nichts Neues, nur Altes wieder aufgewärmt. Wie nach Hause kehren, schreibst du. Aber dann lese ich doch lieber noch mal das brillante erste Buch (dessen Handlung mir ohnehin größtenteils entfallen ist).

    • 18. Januar 2012 08:56

      “Fortsetzungen abschrecken, die zwanghaft hintenan geklemmt werden, obwohl die Geschichte eigentlich zu einem klaren Ende gefunden hatte – und das nur, um an frühere Erfolge anzuknöpfen, und nicht, weil die Geschichte tatsächlich eine Fortsetzung bräuchte.”
      Ja, wenn die Fortsetzung genauso gut wäre wie das Original, dann gerne. Ist sie aber bei Weitem nicht.
      Und ja, Moers macht (aber das tun viele Autoren) im Wesentlichen immer das gleiche bzw. arbeitet mir den gleichen Effekten und Tricks. Es wäre in der Tat lohnend, den ersten Band nochmals zu lesen. Danke für deinen Kommentar :)

  3. 16. Januar 2012 16:51

    Liebe Syn-ästhetin, schöne Rezension! Nun zitiere ich mal einen Klassenkameraden vor etwa 27 Jahren, der im Deutschunterricht meinte: “Ich habe das Buch zwar nicht gelesen, möchte aber trotzdem was dazu sagen” ; ) Bei der Beschreibung des Abschweifens dachte ich bei mir, dass es vielleicht einfach des Autors Absicht war, um eben das Anstrengende des Abschweifens vorzuführen – würde das passen? Und bei der Puppentheaterszene denke ich, dass es vielleicht ein “Trick” war, um für diejenigen, die den ersten Teil nicht gelesen haben, noch mal schnell die Vorgeschichte zu rekapitulieren. Wahrscheinlich aber ist es, wie Frau Erdnussbutter sagt, wenn man ein echter Fan ist, wird man das Buch trotzdem mögen. Herrlich jedenfalls, schon im ersten Teil, diese Namensverdreher und Anspielungen auf andere Schriftsteller, schön, dass er das diesmal wieder macht.

    • 17. Januar 2012 09:00

      Liebe Petra, ich danke dir.
      Moers hat ja nach eigenen Angaben im Roman bereits das Manuskript von Mythenmetz gekürzt, weil es zu ausschweifend gewesen sein soll ;)
      Was das Puppentheater angeht: eine schnelle Rekapitulation wäre ja auch ok gewesen (und verständlich), aber das Ganze zieht sich wirklich über einen nicht unerheblichen Teil hin. Was Moers genau beabsichtigt hat weiß er wohl nur selbst und wir werden es ja dann im dritten versprochenen Buch rund um Buchhaim hoffentlich erfahren. Und ja, die Namensverdreher usw. sind großartig und machen wirklich Spaß, das allemal!!!

  4. 16. Januar 2012 13:27

    Als Fan finde ich es keine verlorene Zeit, das Buch zu lesen, man kann so wunderbar in dieser bibliophilen Welt eintauchen, wie du schon geschrieben hast. :)
    Hätte es auch schade gefunden, wenn es in Buchhaim nicht mehr um das Buch gehen würde. Aber du hast schon recht, es ist so anders und wesentlich spannungsärmer als Die Stadt der Träumenden Bücher. Auch die Aufzeichnungen des Puppetismus hätten meinetwegen nicht so ausufern müssen.
    Finde es nur schade, dass Moers deswegen von so vielen in Beschuss genommen wird. Lieber ein wirklich gutes Buch, als eines, das unter Abgabezwängen entsteht, davor kann der Autor dann letztendlich auch nichts.

    Es lässt wenigstens großes von dem letzten Band (Das Schloss, oder?) erhoffen und damit endlich wieder Vorfreude auf ein neues Moers-Buch.

    ..und danke für die schöne Rezension. :)

    • 16. Januar 2012 13:36

      Liebe Frau Erdnussbutter,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.
      Ich kann schon verstehen, dass viele Fans und Kritiker Moers in Beschuss nehmen, weil er eben hohe Erwartungen gesät hat und diese in den Augen vieler nicht erfüllen konnte. “Das Labyrinth der träumenden Bücher” ist weder langweilig, noch schlecht. Aber es bringt eben auch nicht viel Neues und löst das Titelversprechen nicht ein; daran stoßen sich viele…

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