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[Rezension] Lizzie Doron: Das Schweigen meiner Mutter

13. Januar 2012

Wie mag das sein, wenn man inmitten einer Gemeinschaft aufwächst, in der jedes Kind von diesem mysteriösen Ort “Shoa” schon einmal gehört hat, nur man selbst nicht? Wenn die Biographie der eigenen Mutter nur so alt ist, wie das eigene achtjährige Selbst und der Vater nur als Schatten durch das eigene Leben streicht? Lizzie Doron hat in ihrem neuesten, zutiefst autobiographischem Roman versucht, diese Fragen zu beantworten. Eigentlich hat die kleine Alisa einen großartigen Vater, denn seine Abwesenheit bietet unendlich viel Raum zum Phantasieren. Und Phantasie hat schon das kleine Mädchen genug. So wird der Vater mal zum heldenhaften Partisanen, dann wieder zum Toten oder Kapo im KZ gemacht.

Natürlich fragt Lizzie ihre Schulfreunde, Nachbarn und immer wieder ihre Mutter: Wer ist mein Vater und vor allem, wo ist er? Doch ihre Mutter, eine Respektsperson des Viertels, hat alle angewiesen, eisern zu schweigen. Niemand bricht das Gelübde, am wenigsten die Mutter selbst. Zwischen Mutter und Tochter tobt ein Kampf, der keinen Sieger kennt: “Meine Mutter wollte verbergen, ich wollte aufdecken.” Werden die Fragen der Tochter zu bohrend, zerhackt sie Gemüse in der Küche, so als wolle sie Vergangenheit und Erinnerung gleichermaßen zerstückeln. Und eine zerstückelte Geschichte des Vaters ist es auch, was Lizzie bleibt. Aus eigenen blassen Erinnerungen und Andeutungen anderer reimt sie sich ein Bild zusammen. Begierig wünscht sie sich auch eine Familiengeschichte wie die einer Freundin, in der alle Verwandten in der Shoa verbrannt worden sind, natürlich ohne überhaupt zu wissen, was es mit diesem Nicht-Ort auf sich hat.

Es ist ein Treffen auf dem Friedhof, das Lizzie – inwzischen Mitte 50 – die kindliche Suche fortsetzen lässt. Plötzlich ist alles wieder da: Die eigene Geschichtslosigkeit, das erstickende Schweigen und die vielen unbeantworteten Fragen:

Was habt ihr mir eigentlich ersparen wollen? Warum habt ihr mir nichts gesagt? Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er lebt?  Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er gestorben ist? Was war da? Gab es vielleicht doch etwas anderes, ein dunkles Geheimnis, irgendeinen Wahnsinn?

Es gab ein Geheimnis um den Vater und auch die Mutter, ein geradezu wahnwitziges. Stück für Stück folgt der Leser Lizzie Doron und den vielen Gesprächen, die sie auf die Spur der Eltern führen. Zwischen Neugier auf die eigene Geschichte und der drückenden Angst vor deren Enthüllung sichtet Doron alte Fotoalben, erinnert sich an Sequenzen aus ihrer Kindheit und schreibt dabei voller Trauer, Zynismus und Selbstironie. Mit Das Schweigen meiner Mutter ist es Doron gelungen, Frieden mit ihrer persönlichen Geschichte zu schließen. Der Roman beweist einmal mehr, dass Geschichte, wird über sie nicht gesprochen und reflektiert, zur Wiederholung verdammt ist und plädiert entschieden dafür, zu erzählen. Auch, wenn es weh tut.

Lizzie Doron: Das Schweigen meiner Mutter
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011
216 Seiten, 14,90 Euro

2 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 19. Januar 2012 20:55

    Lizzie Doron schreibt so schön, obwohl es so furchtbar ist. Ich freu mich auf die Lektüre und danke, dass ich hier schon mal vorfühlen konnte.

    • 20. Januar 2012 11:07

      Das stimmt. Sie schwankt zwischen Melancholie, Freude und Zynismus. Ich lese sie auch sehr sehr gern!

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