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[Rezension] Günter Grass: Im Krebsgang

21. September 2011

Das hört nicht auf. Nie hört das auf.

Im Jahr 2002 hat Günter Grass mit Im Krebsgang ein Tabu gebrochen: Er lässt seine Figur Tulla Prokriefke eindringlich von ihren Erinnerungen an den Untergang der “Wilhem Gustloff” erzählen und stellt auch das Leiden der (ostpreußischen) Flüchtlinge und Vertriebenen zur Diskussion. Grass’ Novelle hat eine breite Diskussion angestoßen, die sich vor allem an der Frage entzündet, ob die Trauer und Erinnerung der deutschen Kriegsopfer angesichts der Shoa gerechtfertigt und moralisch zulässig ist.

Grass kreuzt in seiner Erzählung drei authentische Biographien mit jeweils drei fiktiven Personen und beschreibt so die Wirkung der Vergangenheit bis hinein in die Gegenwart und das digitalisierte 21. Jahrhundert. Wilhelm Gustloff,  NSDAP Landesgruppen-Leiter in der Schweiz, wird 1936 vom Juden David Frankfurter erschossen. 1937 wird eines der KdF-Schiffe nach ihm benannt. Ursprünglich für Kreuzfahrten im Sinne nationalsozialistischer Ideologie konzipiert, wurde es zum hoffnungslos überladenen Transportmittel unzähliger Zivilisten und Soldaten, bis es am 30.Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot torpediert und versenkt wurde.

Tulla befand sich ebenfalls an Bord und hat, am Tage des Untergangs ihren Sohn zur Welt gebracht, den Ich-Erzähler Paul Prokriefke. Dieser wächst vaterlos auf und ist von der “Schallplatte mit Sprung”, wie er die Erzählungen seiner Mutter bezeichnet, zunehmend genervt. Von seiner Vergangenheit will er lieber nichts wissen, dass seine Ehe scheitert und er sich kaum um seinen Sohn kümmert, macht ihn in den Augen Tullas endgültig zum Versager.

Die nimmt ihren Enkel unter die Fittiche, der in der großmütterlichen Plattenbausiedlung eine rechtsradikale Webseite im Gedenken an Wilhelm Gustloff ins Leben ruft und schließlich den gleichaltrigen vermeintlichen Juden David erschießt.

Grass lässt all das seinen Erzähler Paul in sachlichem, größtenteils kühlem Ton erzählen, der eine Identifikation fast unmöglich macht. Eigentlich gibt es hier niemanden, der zum Sympathisieren einlädt: Weder Tulla, die das Erlebte nur für sich betrachtet und historisch nicht einordnen kann (und die nach dem Ende des Krieges verblüffend schnell einen Ideologiewechsel durchlebt); noch Konny, der sachlich und eiskalt analysierende Jungnazi, der nur braunes Gemüse widerkäut und trotzdem seine Anhänger findet; noch der Erzähler, der schulterzuckend und hilflos wie neben seiner Familiengeschichte steht. Grass kann es besser.

Günter Grass: Im Krebsgang
2002, 224S., 9,90€
dtv.

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4 Kommentare leave one →
  1. 27. September 2011 09:21

    Um ehrlich zu sein, habe ich selbst außer der Danziger Trilogie nichts gelesen, wobei Katz und Maus mich nicht sonderlich beeindruckt hat. In Grimms Wörter habe ich schon mal reingeschaut, aber ich denke, ich darf nicht dasselbe erwarten wie bei Grass’ Romanen, obwohl natürlich sein Sprachstil auch dort unverkennbar ist. Insgesamt glaube ich aber, dass wir schon mehr von Grass gelesen haben als manch anderer und vor allem mehr Begeisterung an den Tag legen als die meisten anderen… ;)

    • 27. September 2011 09:28

      Ich habe mich lange vor Grass gedrückt, weil ich seine teilweise Omnipäsenz in sämtlichen Medien und seine polarisierende Art nicht sehr schätze. Da schließt man leider schnell auf seine Bücher zurück, was vollkommener Humbug ist, wie ich dann bei der “Blechtrommel” festgestellt habe. Beim “Krebsgang” wollte ich sehen, ob sich meine Abneigung gegen das Buch nach fast zehn Jahren verändert hat und muss sagen: nö, hat sie nicht. Demnächst geht es in Richtung Stadtbücherei als Spende, vielleicht findet jemand anders mehr Gefallen daran.
      In jedem Fall stehen nun die “Hundejahre” an.

  2. 25. September 2011 20:44

    Ach, die Tulla Prokriefke: dass sie mir hier noch einmal begegnet! Ich habe sie ja schon in den Hundejahren kennen gelernt, wo wiederum auch der Oskar einen Gastauftritt hatte (ich glaube, ich hatte dir das entsprechende Zitat irgendwann mal als Kommentar hinterlassen). Ich finde es schön, wie Grass seine eigenen Figuren immer wieder aufgreift, ohne aber Fortsetzungen im eigentlichen Sinne zu schreiben. Die Bücher sind ja immer für sich zu nehmen, und doch durchzieht sie ein roter Faden (deutsche Geschichte, deutsche Schuld, deutsche Unschuld), der sich in der Figurenbesetzung widerspiegelt. Schade, dass dieses Werk offenbar nicht zu Grass’ stärksten gehört, aber ich habe ohnehin noch andere von ihm auf der Liste, unter anderem Die Rättin.

    • 27. September 2011 08:36

      Nun muss ich wieder beschämt feststellen, dass ich von Grass “nur” die Blechtrommel und eben den Krebsgang kenne (letzteren habe ich erstmalig kurz nach Erscheinen in der Schule gelesen oder besser lesen müssen). Die Hundejahre stehen seit Ewigkeiten auf meiner Liste. Danke für den Erneuten Hinweis und natürlich deinen Kommentar.

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