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[Rezension] Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens

28. Januar 2012

Dein Leben wird kalt!

Chemda ist alt geworden. So unendlich müde und in einem Zustand zwischen Traum und Wachsein fällt es ihr immer schwerer, Tag und Nacht zu unterscheiden. Fast atemlos liegt sie in ihrem Bett, einmal am Tag kommt eine Pflegerin. Was bleibt von einem solchen Leben? Worin besteht der Rest, der Chemda noch im Diesseits hält? Zeruya Shalev lässt ihre Protagonistin weite Traumreisen in ihre eigene Vergangenheit unternehmen. Da ist sie wieder Säugling und kleines Mädchen, von der Mutter verlassen und vom Vater zu Mut und Tapferkeit gezwungen. Der Kibbuz ist ihr inneres und äußeres Gefängnis, hier bekommt sie ihre beiden Kinder: Dina und Avner. Dina kann sie nicht lieben, ihren kleinen Sohn dafür umso mehr.

Das Mädchen sucht ihre Leben lang nach der fehlenden Liebe der Mutter, der Sohn flieht vor der einnehmenden Liebe der Frauen und findet sein Glück in der platonischen Beziehung.  Beide Kinder gründen Familien, in denen sich die Verstrickungen der Familie fortsetzen und neue Wutknäule und Enttäuschungsballen bilden: Dinas Mann entfernt sich immer weiter von ihr, und dass ihre Tochter inzwischen zum Teenager geworden ist und sich von der Mutter löst, hinterlässt in Dina ein tiefes Loch. Ein neues Kind soll her, ein verlassenes Kind so wie sie früher, das ihre Liebe braucht, das sie braucht. Doch bei Dinas Mann und Tochter treffen diese Wünsche nur auf Unverständnis. Für verrückt, für endgültig durchgeknallt wird sie gehalten.

Als Dinas Bruder Avner seine Mutter in die Notaufnahme bringt, gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht, denn zwei Betten weiter sieht er ein Liebespaar – er todkrank und sie trauernd. Erst jetzt wird ihm bewusst, wie unglücklich seine Ehe voller Missachtung und Vorwürfen ist. Wie besessen sucht er Mann und Frau, um seine Sehnsucht nach der perfekten Beziehung, nach gegenseitiger Achtung und Liebe wenigstens durch Dritte zu erfüllen. Schließlich findet er nur die Frau und eine seltsame Beziehung entspinnt sich; am Ende verlässt Avner Frau und Kinder.

Es ist zu spät dafür, einen Sinn in dem Leben zu suchen, das schon gelebt ist, denn was soll dieses Gewirr, es ist ein Durcheinander von  Zeit und Raum, es sind Ablagerungen der Unzufriedenheit, es sind unterirdische Gänge ohne Vergebung, aus denen die Kleine aufgetaucht war, die zu spät mit dem Laufen begann, das Mädchen, das prahlerische Mutproben bestehen sollte, diejenige Frau, die kaltblütig auf Liebe verzichtete, die unreife Mutter, und auch nach dem Tod ihres Mannes verzichtete sie vorschnell auf den Rest ihres Lebens, so wenig hat sie gewollt, nur dass man sie in Ruhe ließ oder dass man sie ohne Bedingungen liebte, sie hat freudlos zugeschaut, wie ihre Kinder erwachsen wurden, wie sie sich für ein eigenes Leben entschieden, und ihr Versagen hat einen Schatten auf deren Anstrengungen geworfen.

Alle Protagonisten, zwischen deren Erzählstimmen und Perspektiven Shalev mühelos hin und her wechselt, stellen ihr gelebtes Leben infrage. Was haben sie mit ihrer Zeit auf der Erde angefangen, was haben sie falsch gemacht? Detailliert arbeitet Shalev jeden Verlust, jede Enttäuschung und jeden Schmerz auf, wie ein Seismograph zeichnet sie die feinen und starken Schwingungen zwischen den Familienmitgliedern auf und entwirft ein Panorama einer zerrissenen Familiengeschichte, die trotzdem nicht ohne Hoffnung bleibt. Denn im Moment der Krankheit und des nahen Todes der Großmutter Chemda wird ihr Zimmer wieder zum Treffpunkt.
Bei ihr, der zahnlosen und dahinsiechenden Greisin ist es nun möglich, die eigenen Gefühle ehrlich auszusprechen. Wie ein Trichter nimmt sie alles auf und die Antworten, die sie hin und wieder aus ihrer eigenen Traumwelt heraus gibt, wirken wie Prophetie, wie ein verbaler Stein des Anstoßes, der zu weitreichenden Entscheidungen der Kinder und Enkel führt.

Für den Rest des Lebens ist nicht nur eine israelische Zeitreise durch drei Generationen, sondern vor allem ein großer Familienroman, in dem die Frauen im Mittelpunkt stehen. Schwangerschaft und Muttersein, die große Fläche zwischen dem Ungeliebtsein, dem Nichtlieben und dem Zuviellieben, deren Grenzen fließend sind und die Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten – das sind Themen, die vor allem Chemda und ihre Tochter Dina umtreiben. Shalevs Roman steckt voller traumgleicher Bilder und Erinnerungen und schildert doch präzise und treffend, wie sehr jeder Mensch von seiner Familie abhängt und das umso mehr, je stärker er sich von ihr distanziert.

Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens.
Januar 2012, 500 S., 22.90€
Berlin Verlag.

Wohlstandsmüll

24. Januar 2012

[Rezension] Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

20. Januar 2012

Manche Dinge kann man nicht erzählen; nicht einmal denen, die man am meisten liebt. Irgendwann kommt der Tag, an dem alles ausgesprochen werden kann, doch davon ist die sechzehnjährige Maria noch weit entfernt. Denn ihre Geschichte beginnt gerade erst: Verträumt und auch ein bisschen naiv ist diese Heldin, die lieber liest, als zur Schule zu gehen. Überhaupt ist gerade alles wichtiger als der Gedanke an die eigene Zukunft. Denn vor einem halben Jahr ist die Mauer gefallen und die vielen neuen Möglichkeiten erscheinen ebenso verlockend wie ungewiss. Also genießt Maria lieber die Gegenwart voller Sommerwind und Mückenstiche. Mit Dostojewskis „Brüdern Karamasov“ liegt sie auf der Sommerwiese, raucht zu viel und denkt verliebt an ihren ersten richtigen Freund Johannes.

Mit dem wohnt sie auch schon zusammen, auf dem Hof seiner Eltern. Dort erahnt man die enormen Veränderungen, die die Wiedervereinigung mit sich bringen wird. Johannes’ Vater plant die Umstrukturierung seines Hofes, Johannes selbst will raus aus dem Dorf und Fotografie studieren – nur Großmutter Frida fühlt sich mit dem Gedanken an ein neues Deutschland unwohl. Krien schildert behutsam die Sorgen und Ungewissheit, die der Umbruch namens Mauerfall in vielen Menschen hervorgerufen hat und verschweigt auch das drohende Scheitern unzähliger naiver Lebensentwürfe nicht. Weiterlesen…

[Rezension] Walter Moers: Das Labyrinth der träumenden Bücher

16. Januar 2012

Fortsetzungen zumal erfolgreicher Werke stehen immer unter besonderem Erfolgsdruck. Und  wenn man seine Leser zuvor mit der Stadt der träumenden Bücher in eine verzauberte bibliophile Welt entführt hat, wird es  umso schwerer, ihre hohen Erwartungen zu erfüllen. Trotzdem halte ich die vielfach geübte Kritik am Fortsetzungsroman rund um die symphatische Schriftstellerechse Hildegunst von Mythenmetz durchaus für berechtigt. Denn eines wird schon auf den ersten Seiten deutlich: Mit dem Labyrinth der träumenden Bücher hat Moers Zamonien, die Bücherstadt Buchhaim und auch die Charaktere, auf die sein Held trifft, nicht neu erfunden. Weiterlesen…

[Rezension] Lizzie Doron: Das Schweigen meiner Mutter

13. Januar 2012

Wie mag das sein, wenn man inmitten einer Gemeinschaft aufwächst, in der jedes Kind von diesem mysteriösen Ort „Shoa“ schon einmal gehört hat, nur man selbst nicht? Wenn die Biographie der eigenen Mutter nur so alt ist, wie das eigene achtjährige Selbst und der Vater nur als Schatten durch das eigene Leben streicht? Lizzie Doron hat in ihrem neuesten, zutiefst autobiographischem Roman versucht, diese Fragen zu beantworten. Eigentlich hat die kleine Alisa einen großartigen Vater, denn seine Abwesenheit bietet unendlich viel Raum zum Phantasieren. Und Phantasie hat schon das kleine Mädchen genug. So wird der Vater mal zum heldenhaften Partisanen, dann wieder zum Toten oder Kapo im KZ gemacht.

Natürlich fragt Lizzie ihre Schulfreunde, Nachbarn und immer wieder ihre Mutter: Wer ist mein Vater und vor allem, wo ist er? Doch ihre Mutter, eine Respektsperson des Viertels, hat alle angewiesen, eisern zu schweigen. Niemand bricht das Gelübde, am wenigsten die Mutter selbst. Zwischen Mutter und Tochter tobt ein Kampf, der keinen Sieger kennt: „Meine Mutter wollte verbergen, ich wollte aufdecken.“ Werden die Fragen der Tochter zu bohrend, zerhackt sie Gemüse in der Küche, so als wolle sie Vergangenheit und Erinnerung gleichermaßen zerstückeln. Und eine zerstückelte Geschichte des Vaters ist es auch, was Lizzie bleibt. Aus eigenen blassen Erinnerungen und Andeutungen anderer reimt sie sich ein Bild zusammen. Begierig wünscht sie sich auch eine Familiengeschichte wie die einer Freundin, in der alle Verwandten in der Shoa verbrannt worden sind, natürlich ohne überhaupt zu wissen, was es mit diesem Nicht-Ort auf sich hat.

Es ist ein Treffen auf dem Friedhof, das Lizzie – inwzischen Mitte 50 – die kindliche Suche fortsetzen lässt. Plötzlich ist alles wieder da: Die eigene Geschichtslosigkeit, das erstickende Schweigen und die vielen unbeantworteten Fragen:

Was habt ihr mir eigentlich ersparen wollen? Warum habt ihr mir nichts gesagt? Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er lebt?  Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er gestorben ist? Was war da? Gab es vielleicht doch etwas anderes, ein dunkles Geheimnis, irgendeinen Wahnsinn?

Es gab ein Geheimnis um den Vater und auch die Mutter, ein geradezu wahnwitziges. Stück für Stück folgt der Leser Lizzie Doron und den vielen Gesprächen, die sie auf die Spur der Eltern führen. Zwischen Neugier auf die eigene Geschichte und der drückenden Angst vor deren Enthüllung sichtet Doron alte Fotoalben, erinnert sich an Sequenzen aus ihrer Kindheit und schreibt dabei voller Trauer, Zynismus und Selbstironie. Mit Das Schweigen meiner Mutter ist es Doron gelungen, Frieden mit ihrer persönlichen Geschichte zu schließen. Der Roman beweist einmal mehr, dass Geschichte, wird über sie nicht gesprochen und reflektiert, zur Wiederholung verdammt ist und plädiert entschieden dafür, zu erzählen. Auch, wenn es weh tut.

Lizzie Doron: Das Schweigen meiner Mutter
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011
216 Seiten, 14,90 Euro

[Ausstellungs-Tipp] Hans Baluschek im Bröhan-Museum

10. Januar 2012

Endlich habe ich für alle Berliner und Berlin-Besucher wieder einen Tipp in Sachen Kultur. Seit dem 1. Dezember 2011 (und noch bis zum 15. April 2012) zeigt das Bröhan-Museum in unmittelbarer Nähe zum Schloss Charlottenburg eine Sonderausstellung mit Bildern des  Malers Hans Baluschek. Die Ausstellung trägt den schönen Titel Bilderbuch des Berliner Lebens die etwa 40 Bilder aus dem Frühwerk des Malers umfasst.

„Bilderbuch“ ist dabei wörtlich zu nehmen, viele der Gemälde könnten ebensogut Illustrationen eines (Kinder-) Buches sein und tatsächlich hat Baluschenk etliche Bücher illustriert, am bekanntesten dürfte „Peterchens Mondfahrt“ sein. Baluschek sparte nicht mit Gesellschaftskritik, das Berliner Nachtleben, Rummelplätze und düstere Kaschemmen sind neben Fabriken und Eisenbahnen seine Hauptthemen. Meist sind es gesellschaftliche Randfiguren, denen sich der Maler widmete.

Außerdem versammelt das Bröhan-Museum Kunsthandwerk und Bildende Kunst aus den Epochen Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus. Bewundert werden können Möbel, Dekorationsstücke und Alltagsgegenstände.  Außerdem beherbergt das Museum eine stattliche Sammlung von Malern der Berliner Secession, zu denen auch Hans Baluschek gehört.

Das Museum ist im Gegensatz zu den großen Gemäldegalerien fast ein Geheimtipp und meist angenehm leer. Wer noch nie dort war, dem lege ich einen Besuch ans Herz. Wer mehr wissen möchte, kann sich hier über das Museum informieren.

Letztens, als noch Sommer war …

8. Januar 2012

… Da hat Herr Photoshop natürlich ein bisschen nachgeholfen.

Syn-ästhetisch jetzt auch auf Facebook

4. Januar 2012
tags:

Mit dem neuen Jahr gibt es auf meinem Blog eine kleine, feine Neuerung: Ab sofort könnt ihr die neuesten Blogposts sowie Linktipps, News und mein Gebrabbel auf einer eigenen Facebook-Seite „bewundern“. Rechts in der Sidebar seht ihr nun ein kleines Facebook-Logo, auf das ihr nur klicken müsst, und schon seid ihr auf der Fanseite.

Natürlich freue ich mich besonders, wenn ihr auf „gefällt mir“ klickt und damit zu hochoffiziellen Fans meines Blogs werdet :D

Ich freue mich auf den regen Austausch mit euch!

[Rezension] Franz Werfel: Der Abituriententag

4. Januar 2012

Ernst Sebastian ist Landgerichtsrat in einer Kleinstadt und mit seinem Leben eigentlich zufrieden. Seine Arbeit macht er beflissen und pflichtbewusst, den Aufstieg der Karriereleiter lehnt er aus Angst vor Umstellung und Veränderung ab. Er hat es sich gemütlich gemacht, in seiner papierumwölkten Amtsstube und dem Leben als Junggeselle. Eher widerwillig nimmt er die Einladung zum Klassentreffen seines Abiturientenjahrganges an, 25 Jahre ist der Schulabschluss nun her und die ehemaligen Kameraden interessieren ihn kaum mehr. Es ist bereits Abend, als Sebastian kurz vor Feierabend die informelle Anhörung seines neuesten Falls vornimmt, eine Anhörung, die dunkle Erinnerungen wecken wird und im Landgerichtsrat längst vergessene Schuldgefühle freilegt …

Der Verdächtige Franz Adler trägt den gleichen Namen wie ein ehemaliger Mitschüler Sebastians, der durch Sebastians Intrigen und Lügen von bewunderten Intellektuellen zum gedemütigten Mobbingopfer der gesamten Klasse wird. Aufgewühlt vom Klassentreffen und den heraufbeschworenen Erinnerungen schreibt Sebastian nachts wie im Rausch die Geschichte seiner Jugend nieder. Wie er Adlers Unbeholfenheit am Barren mit Lachen quittiert hat und die ganze Klasse zum Mitlachen animierte, wie er Adler – den Juden – zwingt, die Schule zu schwänzen, Alkohol zu trinken und ins Bordell zu gehen; kurz: Sebastian kündet unverholen von seiner Schuld einem Unschuldigen gegenüber, für die es keine Wiedergutmachung zu geben scheint. Es ist die Überlegenheit Adlers, die Sebastian zwischen Bewunderung und tiefem Neid schwanken lässt:

Ich versuche gegen mich restlos aufrichtig zu sein. War mein Widerstand vielleicht dadurch bestimmt, dass ich in Adler den Juden fühlte, die Rasse also, von der man gern alles hinnimmt, nur nicht Herrschaft?

Nach einer durchwachten Nacht schließlich folgt die zweite Vernehmung des Verdächtigen Adler: Sebastian gibt sich zu erkennen und räumt seine Schuld ein. Mehr als zerknirscht und von seinen Gewissensqualen sichtlich angegriffen, bittet er sein Opfer, das er halb betäubt in einen Zug nach Hamburg gesetzt hatte, um Verzeihung. Doch die wird ihm nicht gewährt, denn es stellt sich heraus, dass Sebastians Gewissen ihn zu einer folgenschweren Verwechslung getrieben hat …

Der Abituriententag ist eine hochaktuelle Geschichte über das Erwachsenwerden und die Rivalität zwischen Jugendlichen, die außer Kontrolle gerät und ein Leben zerstört. Sie ist auch ein Vorwurf des jüdischen Autors Franz Werfel an die Peiniger der Juden, die zwar unter ihrer Schuld leiden, sie aber doch nie wiedergutmachen können.  Werfel selbst sagte zur Wahl seiner Protagonisten, dass das Opfer deshalb ein Jude habe sein müssen, weil sich am Umgang mit den Juden die Boshaftigkeit der anderen am Besten zeigen lasse. Darüber lässt sich sicherlich diskutieren. Fest aber steht, dass der Abituriententag ein sprachlich brilliantes und spannungsgeladenes Buch ist, dessen Aktualität ungebrochen bleibt.

Franz Werfel: Der Abituriententag. Die Geschichte einer Jugendschuld (zuerst 1928)
2006, 171S., 12,95€
S. Fischer.

Fächerfarn

30. Dezember 2011

 

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