Skip to content

[Rezension] Yael Hedaya: Liebe pur

25. März 2014

Die Figuren dieses kurzen Romans sind beide knapp über dreißig und noch immer Single. Sie bleiben namenlos und treten dem Leser als “der Mann” und “die Frau” gegenüber, schnell werden sie so zu Repräsentanten der Torschlusspanik. Ein Blind-Date, dessen Ziel nur die gemeinsam verbrachte Nacht ist, bringt die beiden zusammen. Auf dem Nachhauseweg finden sie einen Hundewelpen, den sie mit in die Wohnung der Frau nehmen. Der Hund wird zum Bindeglied zwischen seinen Menschen und zugleich auch das Barometer der Beziehung, und weil auch er ohne Namen bleibt, verharrt die Beziehung des Paares im Unverbindlichen.

Hedays entwickelt in knapper Sprache und auf wenig Raum eine komplexe Geschichte über Liebe, Eifersucht, Hass und die Angst vor dem gemeinsamen Alltag. Beide Partner sehen sich nach der festen Beziehung, können das aber nicht einmal sich selbst eingestehen. Absichtliche gegenseitige Verletzungen und Kränkungen sind an der Tagesordnung. Wie weit kann ich gehen, bis der andere mich verlässt? Ist das Alleinsein nicht doch besser als das Risiko einer Trennung? Hedaya gelingt es, das Phänomen der Torschlusspanik bei gleichzeitiger Bindungsangst schnörkellos und eindrucksvoll darzustellen. Ein kurzweiliges Büchlein mit Tiefgang.

Yael Hedaya: Liebe pur
2001, 224 S.
Diogenes Taschenbuch.

Julia Deck: Viviane Élisabeth Fauville

24. November 2013

9783803132512Sie sind nicht ganz sicher, aber Sie haben das Gefühl, vor vier oder fünf Stunden etwas getan zu haben, was sie nicht hätte tun sollen. Sie versuchen, sich die Abfolge Ihgrer Gesten in Erinnerung zu rufen, deren Faden wiederaufzunehmen, aber jedesmal, wenn sie eine zu fassen bekommen, fällt sie, statt automatisch die Erinnerung der nächstem nach sich zu ziehen, wie ein Stein auf den Grund jenes Loches, das nun Ihr Gedächntis ist.

In ihrem Roman “Viviane Élisabeth Fauville” erzählt Julia Deck von ihrer gleichnamigen Protagonistin – einer zweiundvierzigjährigen Frau, beruflich erfolgreich und gerade Mutter geworden. Doch der heile Schein trügt: Viviane leidet an psychischen Problemen, ihr Mann hat sie kurz nach der Geburt für eine andere Frau verlassen und jene Kollegin, die sie während des Mutterschaftsurlaubes vertreten hat, scheint ihr in der Firma den Rang abzulaufen. Schon seit längerer Zeit ist sie deshalb bei einem Psychoanalytiker in Behandlung, der ihr aber nicht hilft, sondern ihre Angststörungen noch mehr verstärkt. Einzig die Rezepte für Psychopharmaka lohnen die Therapiestunden.

Eines Tages aber ist der Psychoanalytiker tot, er wird von seiner Geliebten erstochen in seiner Praxis aufgefunden. Julia Deck lässt dem Leser in der Folge keine Zweifel daran kommen, dass Viviane, die labile, gejagte, haltlose Frau, seine Möderin ist. In stakkatoartigen Sequenzen begleiten wir Viviane von einem Polizeiverhör zum nächsten, wir erleben, wie schnell sie sich in Wiederspüche verstrickt und den Verdacht der Kommissare auf sich lenkt. Viviane verfolgt alle, die mit dem Psychoanalytiker zu tun hatten – seine Geliebte, seine Ehefrau, einen anderen Patienten – verstickt sie in Gespräche, gerät einem vorbestraften Patienten von einer extatischen Orgie in eine Prügelei, klopft wie gehetzt jeden Verdachtsmoment an den anderen ab, der sie am Ende entlasten könnte.

Wer hat den Psychoanalytiker erstochen? Ist es tatsächlich Viviane, wie es bereits das zweite Kapitel unmissverständlich klar macht? Julia Deck spielt so virtuos mit den Erzählperspektiven, dass man als Leser selbst immer wieder die Rollen wechselt: Mal ist der Leser selbst Viviane, dann wieder spricht ihn das Ich von Viviane an. Im Zusammenspiel mit den sich verdichtenden Hinweisen darauf, dass Viviane eine Mörderin ist – eine rastlos durch Paris getriebene Frau, denen Angstzustände sie stärker und stärker beherrschen – entsteht ein furioser Roman mit einem ungeheuren Erzähltempo. Immer schwieriger wird es sowohl für die Protagonistin als auch den Leser, zwischen Wirklichkeit und Wahnvorstellung zu unterscheiden.

Vivianes Getriebensein endet schließlich in einem Zusammenbruch. Auf offener Straße, angetrunken und ihren Ehemann verfolgend, verlässt sie alle Kraft.

Man müsste reagieren, sich wehren, aber es geschieht etwas viel Dringlicheres. Vergeblich versuchen Sie, sich zu konzentrieren, so tief wie möglich einzuatmen, die Luft gelangt nicht megr in Ihre Lunge. Sie strömt nur dumm zurück und weigert sich, eingeatmet zu werden. Sie wenden Ihre ganze Energie auf, um den Sauerstoff zu zwingen, den Weg Ihrer Luftröhre einzuschlagen, aber er weigert sich standhaft, und Sie erinnern sich nicht, je etwas Unangenehmeres erlebt zu haben.

Viviane kommt in ein Krankenhaus, zunächst über eine unbestimmte Zeit sediert von Medikamenten. Das Erzähltempo wird gebremst, die Jagd ist vorbei und von Viviane fällt langsam aller Druck ab. Nun schließlich wird dem Leser eine neue Variante des Tathergangs präsentiert, bei der Viviane nicht die Möderin ist. Julia Deck gelingt es, mit Wahrheiten und Identitäten zu spielen; in diesem Roman ist nichts gewiss und alle Sicherheit scheint mit einem Schlag in den Spiegel auflösbar. Es ist Julia Deck mit “Viviane Élisabeth Fauville” ein Roman gelungen, der wie ein Krimi daherkommt, von einer psychischen Erkrankung handelt und diese nachvollziehbar macht und dabei eine ungeheure Sogwirkung entfaltet, die dem Leser das Gefühl vermittelt, Teil eines Komplotts zu sein.

Julia Deck: Viviane Élisabeth Fauville
Aus dem Französischen von Anne Weber
2013, Wagenbach-Verlag.

[Fotografie] Libelle

8. Oktober 2013

DSC_5525

„We read Indie“ für den Virenschleuder-Preis nominiert. Wir brauchen eure Stimmen!

26. September 2013

Eine zündende Idee schlägt Funken: Unser „We read Indie“- Projekt ist für den Virenschleuder-Preis 2013 nominiert. Wir freuen uns sehr und gehen jetzt auf Stimmenfang.

1240391_10153296988765578_1695180277_n

Der Virenschleuder-Preis wurde 2011 von Leander Wattig und Carsten Raimann ins Leben gerufen, um „ansteckendes Marketing sichtbar zu machen“, und wird in Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse verliehen. Das Schöne an dem Preis ist, dass er nicht hinter verschlossenen Türen verhandelt wird: Auf dem Blog werden alle Nominierungen präsentiert, für die abgestimmt werden kann.

Im ersten Schritt darf man sich mit einem Projekt bewerben. Danach folgt eine Abstimmungsphase, aus der sich eine Shortlist ergibt. Aus der wählt dann die Jury jeweils einen Sieger in den folgenden drei Kategorien: 1. Marketing-Maßnahme/-Strategie, 2. Marketing-Idee und 3. Persönlichkeit. Weitere Informationen findet ihr hier.

Wie ansteckend wir sind, haben wir in den letzten Monaten bewiesen. Innerhalb von vier Monaten konnten wir auf Facebook über 1.000 Fans gewinnen, der Gemeinschaftsblog hatte bisher knapp 10.000 Zugriffe. Die Resonanz, die uns seit dem Launch von „We read Indie“ erreicht hat, ist schlichtweg überwältigend und zeigt, dass es höchste Zeit war, eine solche Plattform zu gründen. Unser Projekt begeistert uns und ist hoffentlich schon bald nicht mehr aus der Buch- und Verlagswelt wegzudenken.

Was müsst ihr tun? Einfach hier klicken, Sterne vergeben und Daumen drücken, dass wir es auf die Shortlist schaffen. Wir danken euch fürs Mitmachen, für eure Unterstützung in den vergangenen Monaten und überhaupt für alles!

Es grüßt herzlich

euer „We read Indie“-Team

Jens Steiner: Carambole. Ein Roman in zwölf Runden

10. September 2013

SteinerCarambole-US-4.inddNachdem ich vor vielen Jahren vom Rand des falschen Tellers, auf dem mein inzwischen fast vergessenes Leben stattfand, den Sprung gewagt habe, sitze ich jetzt immerhin am Rand des richtigen Tellers. Es war ein Sprung im letztmöglichen Moment. An meinem neuen Rand bin ich glücklich, wie ich nur sein kann.

Jens Steiner porträtiert in “Carambole” einen Tag in einem namenlosen Dorf. Charakteristisch für seinen Roman ist die Multiperspektivität, mit deren Hilfe Steiner den Eindruck erzeugt, dass in dieser Einöde zugleich gar nichts – nämlich nichts von Bedeutung für jemanden außerhalb des Dorfes – und zugleich alles passiert. “Carambole” ist ein Buch der Möglichkeiten, ein Spiel mit Perspektiven und Identiäten, genau wie das gleichnamige Brettspiel, das dem Roman seinen Namen gibt:

Ja, es ist nur ein Spiel. Wir sind nichts anderes als drei alberne Herren, die sich auf ihre alten Tage ein bisschen amüsieren wollen. Und doch verstärken das gespielte Raunen und der Budenzauber mit der Loge nur das, worum es uns geht: Versöhnung mit der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft. Denn hinter jeder Ecke vermuten wir Griesgrame die Tragik.

Genauso wie jene drei wunderlichen alten Herren, die ihr altes Leben nicht mehr ertragen konnten und sich neue Identitäten suchten, ihre Vorbilder in der Philosophie finden und in ein neues Ich schlüpfen wie in einen Handschuh, so spielt Steiner und mit ihm der Leser mit den Figuren des Romans: Sie sind austauschbar, Menschen von nebenan, fast schon wandelnde Klischees. “Was passierte mit uns in diesen Tagen? Wir sind, was weiß ich, wir sind, ach Gott. Ganz gewöhnliche Menschen. Wir wollen nur ein bisschen zufrieden sein. Mehr nicht.” Es gibt das hübsche Mädchen, das sich von den Eltern unverstanden fühlt und rebelliert, drei Halbstarke, die nicht wissen, wohin mit sich, zwei verfeindete Brüder, gescheiterte Ehepaare, Verlassene, Einsame, schräge Typen, Wunderlinge, Dorftrottel.

Alle Figuren erscheinen auf ihre Weise seelisch beschädigt worden zu sein. Jens Steiner schildert eine unheimliche Atmosphäre, die Figuren belastet ein unheimlicher innerer Druck, der ausbrechen will. “Carambole” ist eine einzige böse Vorahnung, es ist ein kurz bevorstehender Ausbruch, es brodelt; die Figuren schwimmen in einem Topf voll kochendem Wasser und gleich – so spürt man als Leser, wird er, muss er überkochen. Heruntergeschlucktes, Verdrängtes und längst Vergessenes drängen nach oben, man muss weiterlesen – denn irgendetwas, das ist den ganzen Roman über klar – muss passieren.

Wie Jahresringe hatten sie sich über ein Skelett gelegt, das das Gewicht kaum mehr tragen konnte, weshalb der Mensch den ganzen Tag auf seinem Balkon saß, ohne ein einziges Mal aufzustehen, und käme eines Tages einer und stäche eine feine, hohle Nadel in diese Fettmasse, könnte er einen Bohrkern herausholen, der davon erzählte, wie dieser Mensch zum Stillstand gekommen und seiner eigenen Geschichte, aber auch der Geschichte des Dorfes nie mehr entronnen war, wie das Dorf selber, einer Wucherung gleich hoffnungsvoll und gleichzeitig im Krepieren begriffen, immer wieder in eine ungewollte Gegenwart stolperte, wie es seine eigene Vergangenheit begrub, wie seine Bewohner sich mit Wörtern gegenseitig Wunden schlugen und jede neue Generation die ältere bestrafte, und lauschte dieser Geologe des Fetts während seiner Untersuchung dem leisen Stöhnen des Menschenbergs auf dem Balkon über dem Dorfladen, vernähme er darin die Klage des Dorfes, dass es im Begriff sei, seine Seele zu verlieren, denn bald gäbe es hier niemanden mehr, der auf einen Anfang warte, stattdessen mache man nur noch Anfänge und vergesse, was Warten heiße, doch das Warten sei die Seele des Dorfes, das Warten auf nichts und alles, das Warten auf dass endlich etwas passiere.

Zunächst fällt es nicht ganz leicht, zu verstehen, worum es im Roman geht. Man wird ins Geschehen hineingeworfen und ist sich dabei nicht klar, was hier überhaupt geschieht: Wer spricht und wer zu wem in welchem Verhältnis steht, löst Steiner langsam in seinen zwölf “Runden” auf. Steiner umrundet seinen Schauplatz unermüdlich, sieht seinen Figuren zu und lässt sie ihre Geschichte selbst erzählen. Er wechselt leichfüßig zwischen den perspektiven und schildert sie alle gleichermaßen glaubwürdig. “Carambole” ist wirklich ein amüsantes, ein lehrreiches Spiel mit dem, was zwischen den Menschen geschieht – jenseits der Worte, die zwischen ihnen gesprochen werden. Jens Steiners Sprache ist ungewöhnlich und an manchen Stellen richtiggehend überrumpelnd. Sie ist so schräg und zugleich so schön wie der gesamte Roman. “Carambole” hat mich vollkommen überzeugt und für mich ist der Roman ein klarer Fall für die Shortlist.

Jens Steiner: Carambole. Ein Roman in zwölf Runden
Dörlemann, 2013.

Alexa von Heyden: Hinter dem Blau

31. August 2013

heyden_hinter-dem-blauEs ist egal, wo man ist. Wenn man krank ist, ist man krank. Aber ob es am Stoffwechsel liegt oder an einem falsch gelebten Leben liegt: Wer alles hinschmeißt, ist einer, der sein Buch in der Mitte beendet und sagt: ‘Das ist ein schlechtes Buch.’ Dabei weiß er gar nicht, was auf der nächsten Seite passiert. Und auf der danach.

Wenn wir krank sind, gehen wir zum Arzt. Niemand schämt sich seiner Kopfschmerzen oder wenn er mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus gebracht wird. Ganz anders sieht das aber aus, wenn nicht der Körper krank ist, sondern die Seele. Dann wird das Kranksein schnell zum Tabu, wird verschwiegen und irgendwie mit sich selbst ausgemacht. Zum ‘Seelenklempner’ gehen und das auch offen zuzugeben ist für viele Menschen undenkbar. Besonders für jene, die nach außen äußerst erfolgreich im Leben stehen und sich keine Blöße geben wollen.

Mein Vater war manisch-depressiv und hat sich das Leben genommen. Es ist lange her und ich rede nicht gern darüber. Meine ganze Familie redet irgendwie nicht viel darüber. Vielleicht weil keiner so richtig weiß, wie. Irgendwer fängt immer an zu weinen und ehe man sich versieht, ist die Stimmung im Eimer. Aber das soll nun anders werden, zumindest habe ich es mir vorgenommen. An diesem Wochenende bin ich nicht zu Besuch, um gut zu essen und meine Wäsche zu waschen. Es ist weder ein Feiertag noch hat jemand Geburtstag. Ich bin gekommen, um mich zu erinnern.

Genau so ging es Helenas Vater: Als erfolgreicher Arzt hatte er Angst, in der ‘Klapsmühle’ zu landen, Angst vor einem beschädigten Ruf. Also kämpfte er allein gegen seine manische Depression – so lange, bis kein anderer Ausweg mehr da zu sein scheint, als der Suizid. Helena ist fünf Jahre alt, gerade eben hat ihr Vater ihr Wasser ins Planschbecken gelassen. Es ist ein heißer Sommertag und der Himmel tiefblau – Helenas Geschwister und ihre Mutter sind nicht zu Hause, Helena ist allein mit ihrem Vater.

Es waren ein paar Minuten, die sein Leben beendeten und das meiner Familie für immer verändert haben. Er hat meiner Mutter den Traum von einer Familie, von Liebe und Glück geraubt und uns Kindern einen Teil unserer Zukunft. Warum hat er uns das angetan? In meinen Augen war mein Vater nicht besser als all die Männer, die sich aus dem Staub machen, um keinen Unterhalt zahlen zu müssen, oder die sich eine jüngere Freundin suchen. Gegenüber meiner Tante habe ich als Teenager sogar einmal gesagt, dass ich finde, mein Vater sei ein Arschloch.

Als Helena auf die Toilette muss und das Haus verschlossen findet, sucht sie den Weg zur Kellertür. In einer berührenden Szene, die mich sehr aufgewühlt zurückgelassen hat, beschreibt Alexa von Heyden, wie Helena hinter der Kellertür pfeifende und gurgelnde Geräusche vernimmt. Ihre kindliche Phantasie lässt sie glauben, ihr größer Weihnachtswunsch – ein Drache wie Fuchur – sei erfüllt und er warte im Keller auf sie. Dass es ihr Vater ist, der sich mehrfach in den Brustkorb gestochen hat und aus dessen Pulsadern das Blut auf den Kellerboden fließt, versteht sie erst viel später.

Helena ist erwachsen und lernt Magnus kennen – ihre Beziehung ist noch ganz frisch, da springt ein enger Freund von Magnus von einem Hochhaus. An diesem Tag wird Helena klar, dass sie mit dem Suizid ihres Vaters umgehen muss, dass Wut und Trauer einen Platz in der Welt brauchen, damit sie ihren Weg ins Erwachsensein finden kann.

Zu Beginn ihrer Reise kehrt Helena zur Mutter zurück und kündigt an, sämtliche Unterlagen über den Tod des Vaters lesen zu wollen. Die Beschäftigung mit ihrem Vater, die Suche nach möglichen Gründen für seinen Suizid und das Aufarbeiten des eigenen Schuldgefühls entwickeln sich zu einem bedrohlichen Sog, der Helena mitzureißen scheint. Sie will verstehen, will sich in den Mann hineinversetzen, der nicht mehr ihr Vater sein wollte. Helena schlüpft in den Körper ihres Vaters am Todestag:

Ich stehe auf, klaube den Autopsiebericht vom Boden und schnappe mir einen schwarzen Filzstift und ein Lineal, die seit meiner Schulzeit in einem Glas auf dem Schreibtisch einstauben. Dann stelle ich mich vor den großen Spiegel, der neben dem Bauernschrank an der Wand hängt, und ziehe mir mein vom Schlafen zerknautschtes T-Shirt über den Kopf. Ich lege das Lineal auf meinen Oberkörper auf und markiere die Stellen, an denen sich mein Vater geschnitten hat. Es sieht bestimmt nicht eins zu eins wie bei ihm aus, denn ich habe ja einen Busen. Zwei Striche befinden sich jeweils außen auf den Brüsten, einer in der Mitte, jeweils zwei in den Armbeugen, wobei ich mich frage, wie er es geschafft hat, dass die Einschnitte je zwei Zentimeter breit waren und die Form von Schwalbenschwänzen hatten. … Ich sehe mein Spiegelbild mit den schwarzen Strichen auf meinem Körper an und empfinde keinen Hass mehr, sondern Mitgefühl. Mein armer Vater.

Am Ende dieses Prozesses hat Helena gelernt, ihre Wut auf den Vater mit einem tiefen Verständnis für dessen psychische Krankheit zu ersetzen. Alexa von Heyden beschönigt nichts; ihre Sprache ist klar, oft von Wut und Zynismus durchsetzt. Das macht ihren Roman kraftvoll, denn er ist authentisch und schmerzt beim Lesen. Alexa von Heyden ist mit “Hinter dem Blau” ein sehr persönliches Buch über das Thema Depression und Suizid gelungen, das mich sehr nachdenklich gestimmt hat und viele Leser verdient hat. Denn es ist nicht zuletzt der offene Umgang mit psychischen Krankheiten, der Helenas und auch Alexa von Heydens Vater vielleicht hätte retten können.

Alexa von Heyden: Hinter dem Blau
Eden Books, 2013.

[Fotografie] Watteexplosion

27. August 2013

DSC_5086

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 291 Followern an