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[Fotografie] Kirschblüte

17. Mai 2013

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[Rezension] Banana Yoshimoto: Federkleid

1. Mai 2013

yoshimoto_federkleidHotaru ist erst 26 und fühlt sich zugleich schrecklich alt: Denn der Mann, den sie wie ein Planet umkreist hatte, hat sie verlassen. Es war die über Jahre dauernde Affäre mit einem verheirateten Mann, die Hotaru zu ihrem Lebensinhalt gemacht hat, nur für ihn hat sie existiert, sich seinen Wünschen und Bedürfnissen untergeordnet. Als das Ende ebenso abrupt wie überraschend da ist, weiß sie kaum mehr, wohin mit sich. Wer bin ich überhaupt und welchen Platz habe ich auf der Welt?

Instinktiv klammerte ich mich an das, was ich hatte, tappte ängstlich durch diese Welt, auf die kein Verlass war. Und die Angst wurde immer größer und bedrohlicher, begleitete mich überallhin, wie das Rauschen des Flusses. Trotzdem weinte ich fast nie. Wo blieben sie denn, die Tränen? Sammelten sie sich in meinem Herzen? Vielleicht war das der Grund, warum meine Stimme einen so seltsamen Klang annahm: brüchig und näselnd, als hätte ich mich erkältet.

Banana Yoshimoto lässt ihre Protagonistin alles verlieren und begleitet sie auf dem Weg zurück: Zurück an den Ort der Kindheit und Jugend, in das provinzielle Café der Großmutter und an den Fluss, der die Gegend durchquert. Es sind die Menschen, auf die Hotaru trifft, die sie umhüllen, sie sanft zurück auf einen neuen Lebensweg schieben und ihr das Gefühl tiefer Sinnhaftigkeit verleihen.

Ich fühlte mich wie eine Wildente, die mit einem Pfeil im Rücken kläglich weiterlebte. Ich bemühte mich, solche Gedanken schnell wieder zu verscheuchen, aber vergebens. Ich lebte nicht hier, in dieser Welt. Das wahre Ich lebte noch immer in jener Zeit, war in jenem Alltag untergetaucht und lebte ihn fort. Es konnte nicht anders.

Es ist nicht so sehr die Handlung, die “Federkleid” zu einem Leseerlebnis werden lässt und es sind auch nicht nur die Yoshimoto-typischen übersinnlichen, phantastischen Elemente und Überkreuzungen, vielmehr holt der Roman den Leser ab, umfängt ihn mit seiner poetischen Sprache, verknüpft Alltägliches mit großer Lebensweisheit. “Federkleid” ist nicht dick, dafür aber ungleich tiefer, es fließt dahin wie der mächtige Fluss, an dem Hotaru sitzt.

Banana Yoshimoto: Federkleid, Diogenes 2007.

[Fotografie] Noch mehr Frühling!

20. April 2013

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[Rezension] Sayed Kashua: Zweite Person Singular

15. April 2013

kashua_zweite-person»Ich will so sein wie sie.«

In “Zweite Person Singluar” befasst sich der arabische Israeli mit seinem eigenen Status und dem Identitätskonflikt, dem rund zwanzig Prozent aller Israelis täglich ausgesetzt sind: Sie haben einen israelischen Pass, sind aber Araber und erleben so einen doppelten Konflikt – kein “echter” Araber und ebenso wenig ein “echter” Israeli zu sein.

Der Roman verbindet die Lebensgeschichten zweier junger Männer, Amir und dem namenlos bleibenden Rechtsanwalt. Amir ist allein mit seiner Mutter aufgewachsen, geächtet von der arabischen Dorfgemeinschaft, weil sein Vater verdächtigt wurde, ein Kollaborateur der Israelis zu sein. Er geht nach Jerusalem, um dort zu studieren. Der Rechtsanwalt hat sein Studium schon hinter sich und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem ansehnlichen Haus – er ist stolz auf seinen Wohlstand und die Luxuskarosse – dass er sein Kanzleischild regelmäßig austauschen muss, weil es beschmiert wird, trifft ihn tief. So sehr er sich bemüht, Teil der Mehrheitsgesellschaft zu werden, sich am westlichen Lebensstil zu orientieren, eine Wand aus Glas trennt ihn von den Israelis.

Amir geht es nicht besser. Er fühlt sich minderwertig, bei seinem Nebenjob in der staatlichen Drogenberatung nutzen ihn die Kollegen als Essenskurier und hänseln ihn bei jeder Gelegenheit. Schließlich kündigt er seinen Job und ein Zufall lässt ihn zum Pfleger des gleichaltrigen Wachkomapatienten Jonathan werden. Jonathan verkörpert das, was Amir glaubt, aus seiner eigenen Identität heraus nie erreichen zu können: Er ist Jude, war talentierter Fotograf, anerkannt, beliebt. Als Jonathan stirbt, nimmt Amir mit Billigung von Jonathans Mutter seine Identität an und beginnt ein Studium. Trotzdem bleibt es eine ständige Anstrengung, sich nicht zu verraten:

Heute will ich sein wie sie. Heute will ich ein Teil von ihnen sein, Orte betreten, die sie betreten dürfen, lachen, wie sie lachen, trinken, ohne an Allah zu denken. Ich will wie sie sein, frei, voller Träume, fähig, an Liebe zu denken. Wie sie. Wie die anderen, die jetzt die Tanzfläche füllten, in dem Bewusstsein, dass sie ihnen gehörte. Die nicht das Bedürfnis hatten, sich für ihre Existenz zu entschuldigen, die nicht glaubten, sie müssten ihre Identität verstecken. Wie sie. Ohne Treuebeweise, ohne Zulassungsprüfungen, ohne Angst vor misstrauischen Blicken. Ich möchte ein Teil von ihnen sein, ohne das Gefühl zu haben, dass ich etwas falsch mache. Ich will mit ihnen trinken, mit ihnen tanzen, ohne die schwere Last eines Menschen, der sich in eine fremde Kultur einschleicht. Ich will dazugehören, ohne mich schuldig oder betrügerisch zu fühlen. Und wen betrüge ich überhaupt?

Nach dessen Tod verkauft Amir Jonathans Bibliothek an einen kleinen Buchladen, in dem auch der Rechtsanwalt einkauft. Abends fällt ein Zettel aus der “Kreutzersonate” von Tolstoi: Eine Nachricht an Jonathan, eindeutig in der Handschrift der Ehefrau des Rechtsanwaltes. Blind vor Eifersucht und getrieben vom Gefühl seiner eigenen Minderwertigkeit verfällt der Rechtsanwalt dem Glauben, seine Frau betrüge ihn. Er setzt alles daran, diesen Jonathan aufzuspüren, und findet ihn schließlich in Gestalt Amirs …

Nie hatte der Rechtsanwalt sich hässlicher gefühlt als in diesem Moment. Er lief geduckt und hoffte, dass keiner der Vorübergehenden seine Kläglichkeit wahrnahm. Er schämte sich, weil er jahrelang gedacht hatte, er würde durch seinen Erfolg, sein Auto und sein hohes Einkommen zu den Begehrten gehören. Jahrelang hatte er seine Frau für glücklich gehalten, weil sie mit ihm ihr Leben teilen durfte und die Früchte seines scharfen Verstands und seines Fleißes genießen konnte. Er verachtete sich jetzt selbst so sehr, dass er ihren Betrug fast verstehen konnte.

“Zweite Person Singular” ist ein eindrucksvoller Roman, der in unzähligen Episoden und Bemerkungen die Ambivalenz und die ungeheure Anstrengungen und Spannung schildert, unter denen arabische Israelis stehen. Es ist ein Buch über das “Dazwischen”, das ständige Bemühen um Anerkennung und einen unmenschlichen Rechtfertigungsdruck, das mich beeindruckt hat.

Sayed Kashua: Zweite Person Singular
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Berlin Verlag 2011.

[Fotografie] Endlich Frühling!

9. April 2013

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[Fotografie] Leipzig

7. April 2013

[Rezension] Techno der Jaguare: Neue Erzählerinnen aus Georgien

30. März 2013

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»Ich lache, weil ich eine Leerstelle entdecke, eine Lücke, die nur mein Lachen übertönen kann, die Stille in mir.«

Wer Nino Haratischwilis “Mein sanfter Zwilling” gelesen und geliebt hat – und lieben muss man dieses Buch zweifelsohne – der wird an einem Erzählband, der mehr dieser jungen, georgischen Stimmen verspricht, kaum vorbeigehen können. Sieben solcher ungewöhnlichen und nahezu unbekannten Stimmen sind es, denen wir nun in “Techno der Jaguare” zuhören dürfen.

Ich schlug das Buch also auf und es war gleich die zweite Erzählung, die mich vollends begeistert hat. “Eine mit Buch und ihre erlesene Leserschaft” erzählt die  Geschichte von Tino, die eines Morgens mit einem Buch aufwacht.

Früh am Morgen, gleich nach dem Aufwachen, wurde ihr klar: Das Leben steckt voller Überraschungen. Ihr Spiegelbild teilte ihr mit, dass ihr über Nacht ein Buch aus dem Kopf gewachsen war. Als Mensch ist Tino abends ins Bett gegangen. Als langsam wachsende Bibliothek wacht sie wenige Stunden später auf.

So weit nichts Ungewöhnliches, doch das Buch wächst ihr aus dem Kopf, hat einen Einband, raschelnde Seiten und einen seltsamen Inhalt – denn jeder, der einen Blick hineinwirft, liest etwas ganz anderes darin. Tino besucht eine Feier, auf der sie mit ihrem Buch-Kopf nicht alleine ist, hier sprießt jedem Gast Papier aus der Stirn, einigen gar Computer oder Webcams. Eine wunderbar surreale, eine kraftvolle Geschichte, die nach dem Sinn der Wörter und vor allem auch nach dem Sinn der eigenen Existenz fragt.

Ich möchte euch hier nicht von allen sieben Geschichten erzählen, sondern euch neugierig machen, damit ihr selbst lest und entdeckt. Aber ich kann meine Rezension natürlich nicht enden lassen, ohne über Nino Haratischwilis Theaterstück “Die zweite Frau” geschrieben zu haben. Es erzählt von Laura, einer unheilbar an Krebs erkrankten Frau, ihrer Tochter Agnes und der neu eingestellten Haushaltshilfe Lena. Laura reflektiert angesichts des Todes ihr Leben, wirft das, was sie für andere getan hat in eine Wagschale und das, was sie dafür bekommen hat, in die andere: Als Ehefrau ist sie gescheitert, denn der Mann weilt längst in anderen Betten, als Mutter ebenfalls – zwischen ihr und der Tochter herrscht ein unerbittlicher Psychokrieg. Alles hat sie ausgehalten, ist zum Opfer des eigenen Lebens und der Lebensträume geworden und deshalb nun krank.

Die Angst, die konnte ich zähmen. Und ich habe sie gezähmt. Wie ich niemals mein Leben haben zähmen können, so habe ich den Tod gezähmt. Habe ihm eine Frist abverlangt, habe die Frist verlängert. Habe mich auf ein Spiel eingelassen. Der Tod war gerechter, im Endeffekt, als das Leben. Nicht dass ich mir das Leben nicht ausgesucht hätte, nein, das nicht. Kann ja keinem einen Vorwurf machen. Was immer ich gewollt habe, habe ich bekommen. Aber ich wusste nicht, dass das, was ich will – eine Falle war.

Laura will sich an ihrem Leben, von dem sie sich hintergangen fühlt, rächen. Lena, die Haushaltshilfe, soll zu ihrer Nachfolgerin werden. “Die zweite Frau” Ein kraftvoller, sehr dichter Text, der seine Stärke den großen Monologen verdankt, in denen Haratischwili uns die Tür zu den Seelen der der Frauen und ihrer Lebensentwürfe öffnet. Agnes, die Tochter, will ein anderes Leben als das der Mutter und keinen Mann “der sein Lebtag hier rumsitzen und ein schlechtes Gewissen haben muss, weil er den Krebs seiner Frau übersehen hat, als sie ihm das Seelachsfilet servierte”. Sie will beachtet, gewürdigt werden, von einem, “der alles weiß, alles im Blick hat”.

In unserem Krieg, der so viele Jahre angedauert hat, dem Krieg, der sich selbst bestätigt wissen wollte und nichts sonst. Weil um uns herum kein Leben war. Weil es versunken war wie ein verdammter Liner, wie eine verdammte Titanic, versunken in uns selber oder stecken geblieben, eingeklemmt zwischen unseren Rippen aus Stahl. Nicht mehr zum Vorschein, nicht mehr zum Pulsieren kommend. Das denke ich, und ich lache. Ich lache, weil das das Einzige ist, was ich noch kann. Weil ich aus den Trümmern ein Lebenszeichen geben muss – damit die Welt mich erhört. Weil ich noch lebe. Oder gerade jetzt. Erst.

Immer wieder blitzt in “Die zweite Frau” jenes wunderbare Talent auf, den Leser mit verstörenden und zugleich poetischen Sätzen zu verzaubern, allein dafür schon lohnt sich der Blick “Techno der Jaguare” mit Sicherheit. Und wieder gibt es ein überraschendes und schmerzhaftes Ende, bei Haratischwili ist nichts vorhersehbar, sie wirft den Leser zu gern vom Rand der eigenen Erwartungen – eine Eigenschaft, die ich bei Autoren sehr schätze.

So unterschiedlich die Erzählungen in “Techno der Jaguare” sowohl in ihrer Länge, ihrem Stil und ihren Themen sind – hier sprechen unter anderem eine Profikillerin, eine junge Journalistin, eine Frau auf der Suche nach Liebe  – wird unmissverständlich deutlich, dass es zumeist die weibliche Perspektive ist, die hier im Mittelpunkt steht. Vor allem die Suche nach der eigenen Identität, der Rolle innerhalb der Gesellschaft und auch der Vergleich der postsowjetischen mit der westlichen Realität der Frau sind Kernthemen der Autorinnen. “Techno der Jaguare”, das ist ein wildes, ein ungezähmtes Buch, zwischen den Buchdeckeln riecht es nach Aufbruch und nach tausend neuen Möglichkeiten. Ein Erzählband, der Lust auf mehr Literatur aus Georgien macht. Von mir gibt es deswegen die unbedingte Leseempfehlung!

Manana Tandaschwili, Jost Gippert (Hrsg.)
Techno der Jaguare: Neue Erzählerinnen aus Georgien
2013 FVA.

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